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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-07-14 · Heft 29 (14.7.1851) · p. Seite 338

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 29 (14.7.1851)
Date
1851-07-14
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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338 den überlegenen Heiden entgegen, vor denen sie sich eben noch gefürchtet hatten, und er bleibt mit den Treuen allein im Lager, bei dem Heiligchum, und muß in banger Erwartung auf dasErgebniß der unheilvollen Thal traurige Tage verleben. Solche und ähnliche Betrachtungen, denn der kleine Wochenabschnitt ist — und welche Stelle der heiligen Schrift ist es nicht? — reich an Stoff dazu, stellte ich an, in meinem Stillleben unter den Linden, Betrachtungen, die mir viele Anknüpfungspunkte an das in diesen Aufsätzen behandelte und zu behandelnde Thema darboten, als mir, außer dem Buche, auch das Leben welche bieten sollte. Denn ich war noch nicht fertig mit Lesen und Reflektiren, da kam ein Männlein, in den sechziger Jahren stehend, ruhig und gemessenen Schrittes vorbei, dessen graues Haupt sich vor mir respektvoll neigte und der, indem er mir seinen: Diener! zurief, erwartete, daß ich ihn anrufen möchte, was auch jedesmal geschieht. Es war — der alte Moses, der brave, ehrliche, arme Handelsmann, der in festlichem Kleide zum säubern Gotteshause, in dem benachbarten Garten gelegen, seine Schritte lenkte. Seit fünfundzwanzig Jahren geht er mit der Frühe des Sonntagsmorgens weg, streift von Dorf zu Dorf in seinem gewohnten Bezirke, kauft Borsten, Pferde-, haare, Felle und sonstige Produkte auf — so ist er doch auch etwas Anderes geworden, als der frühere Hausirer mit Bändern und Tüchern — bleibt die ganze Woche aus, ist überall gern gesehen, wohlgelitten, schwatzt mit dem Landmann sein Plattdeutsch, als wäre er unter ihnen geboren, betrügt keinen um einen Pfennig, lügt nicht, listet nicht, ißt aber nur sein Schwarzbrod mit wenig Butter oder ein paar Eier, trinkt nur zuweilen seinen von ihm selbst gekochten Kaffee, bleibt jede Nacht in seiner bestimmten Herberge, ist abgehärtet gegen Wind und Wetter, Donner und Hagel, rauhe Lagerstätte und rohes Wort, spielt keine Karte, säuft keinen Branntwein, treibt keine Laster, gegen die die Prediger sonntäglich auf der Kanzel losziehen müssen, war, ist und bleibt der alte Moses, ist aber bei Weitem mehr als Heine's Moses Lümpel in Hamburg, und kehrt erst Freitag Abend in der Sabbatstunde zurück zu seinem noch ältern Weibe, die indeß die Woche über gekocht und geharrt, geweint und gelacht und gespart hat. Dann aber ziehen sie — eine Wonne ist es anzuschauen — am Sabbatmorgen in festlichen Kleidern nach dem kleinen Tempel der kleinen Gemeinde, danken dem Herrn, denn er ist freundlich und sie sind Keinem Etwas schuldig, sondern haben noch vor Sabbats Eintritt Alles ehrlich bezahlt, und nach dem besser besetzten Tisch, der einzigen warmen Mahlzeit in der Woche für meinen Helden, schläft Moses ruhig aus, denn er kann mit der stocktauben Frau nicht viel sprechen, trinkt Kaffee, geht wieder zum Tempel, kommt nach Hause, geht wieder zum Tempel, schläft die zweite Wochennacht in seinem Hause, geht mit dem Morgen wieder in den Tempel der Natur, der ihn aber wenig kümmert, und in die Dörfer seines Handelsbezirks. So ist der alte Moses des Sabbats ein anderer als der der Wochentage, und Spaß machte es mir, als vor acht Jahren mich einst ein befreundeter Prediger aus einem nahen Dorfe besuchte — es war auch gerade Sonnabend — und er durch das Fenster das alte Ehepaar, den Mann in schwarzem Frack und rundem Hute, die stattliche Matrone in seidenem Gewände und mit bebänderter Haube vorbeiziehen sah, er mich neugierig fragte: Wer ist der Herr? und ich ihm antwortete: es ist der alte Moses, der Handelsmann; er aber in großes Erstaunen gerieth: Was? der alte Moses, derselbe, der zu uns kommt und Felle handelt, der Mann in dem abgeschabten blauen Rocke? Derselbe, sagte ich, aber es ist heute der Sabbat-Moses, der von seinen Feldzügen heimkehrende Wochentagssteger, er hat seine Spolien, die Felle und Schweineborsten auf sein Aerarium niedecgelegt, und feiert soeben seinen Einzug in den Tempel. Der alte Mann, den ich doch wol nun zur Genüge meinen Lesern vorgeführt — die leitenden Artikel aller Zeitungen legen jetzt etwas ihren doktrinären Charakter ab und greifen aus dem Leben in’g Leben — der alte Moses setzte sich zu mir auf die Bank, das schattige Plätzchen preisend, freuete sich über meine Lektüre, erzählte mir einige Begebnisse in der Landschaft, erkundigte sich: was Neues in der Zeitung des Judenthums stände und ob der Redakteur derselben wieder genesen sei? und als ich ihn fragte: Wohin er jetzt wolle? antwortete er seufzend: Wohin? Nach Schul', obgleich es mir Nichts helfen wird. Wie so? fragte ich. Da klagte er denn betrübt, wie jetzt so selten ein Minjan zu Stande käme, seitdem vor einem Jahre der brave F. gestorben wäre, denn der hatte seine zahlreiche Handlungsdicnecschaft pünktlich zum Gottesdienste angehalten, seitdem er aber verblichen, höre Alles auf, die Leute kämen bald zu spat, bald gar nicht. „Warum sich aber an Minjan halten, lieber M., mögen doch die Wenigen, die da kommen, beten auf alte Weise und sich erbauen." Das geht doch nicht, meinte er, es ist doch einmal Gesetz, das Minjan.

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