Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1851)
- Date
- 1851-07-07
- Page
- Seite 332 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225714-3225743--11834-3241967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
332 diese verschrieenen und angefeindeten Rabbiner, welche mit ihrem Schiedssprüche das Gleichgewicht Herstellern, den Egoismus in seine Schranken verwiesen und — den Christen nicht zu Schaden kommen ließen. Und dergleichen Falle und in vielen anderen Dingen giebt es eine Unzahl, wo diese Orthodoxen die Strenge des Gesetzes von dem Andersgläubigen abwandten und oft in viel wichtigeren Fallen den Unversöhnlichen zur Nachgiebigkeit stimmten und manches Lebensglück retteten. Holland. Aus dem Regierungsbezirk Düffelfcorf, Ende Mai. (PrivatmiM).) Nachstehend gebe ich Ihnen einige Notizen über die jüdischen Zustande in unserm Nachbarlande Holland. Im Allgemeinen sind die holländischen Juden von dem Flügelschlage der Zeit nicht unberührt geblieben, was sich natürlich auch auf dem religiösen Gebiete vielfach kund giebt. In manchen Gemeinden herrscht zwar noch das aschgraue Vorurtheil mit seinem ganzen Gefolge; in vielen aber fühlt man immer mehr und mehr das Bedürfniß nach einem zeitgemäßen Gottesdienst, der Herz und Geist erhebt, sogar nach deutscher Predigt; selbst Amsterdam soll damit umgehen einen Prediger zu engagiren. In Rotterdam ist das bereits geschehen. Dr. Jsaksohn (aus dem Posenschen) ist dort Rabbiner und Prediger, und seine Predigten finden — wie man uns versichert— allgemeinen Beifall. Einstweilen predigt derselbe in deutscher Sprache, späterhin muß diese mit der holländischen wechseln, was uns im Interesse der jüdische Masse auch nothwendig scheint. Auch die Gemeinde Zwolln hat in der Person des Dr. Fränkel aus Cöslin in Pommern (also auch ein Preuße) einen modernen Rabbiner engagirt; nach einem o» dit soll er sein Amt schon angetreten haben. Daß es auch in Holland — wie überall — oft heißes Blut fetzt, wenn es sich um eine (wenn auch noch so unschuldige) Aenderung des Bestehenden handelt, läßt sich denken. So hat neulich eine Gemeinde, die die alten, krähenartigen Nigunim, die Märsche und Polka's bei der Keduscha und bei Halle!, nicht mehr erbaulich finden konnte und — gegen den Willen ihres Rabbinen — Chorgesang einführte, dieses Gelüste hart büßen müssen; denn sie verlor dadurch ihren Rabi, der sofort — abdankte. Schon dagewesen, wird Mancher mit R. Akiva sagen, Alles schon dagewesen. Uebrigens wirds auch in Holland hoffentlich mit der Zeit besser werden, da die Regierung sich der jüdischen Verhältnisse sehr väterlich anzunehmen scheint; besser als — doch unser Preßgesetz ist sehr streng. — Wie uns aus sicherer Quelle mitgetheilt worden, findet gegenwärtig im Haag eine Versammlung jüdischer Deputirten statt, die unter dem Vorsitze des Ministers über die Reorganisation der jüdischen Gemeindeverhaltnisse des ganzen Landes berathet, war jedenfalls von gutem Erfolg sein dürfte. Ueber die hiesige Provinz schreibe ich Ihnen vielleicht das nächste Mal. Für heute Gott befohlen. W. Rußland. Eine sonderbare Zeit die unsrige; Erscheinungen, die langst in die dunkelsten Zeiten des Alterthums und des Mittelalters versunken geglaubt waren, treten wieder, angethan mit Fleisch und Bein, auf; Leidenschaften sind herrschend, denen die Vernichtung des Gegners eine Wollust ist; Verfolgungen werden angespannt, welche nach jener schönen Zeit der Humanität, wie sie im vorigen Jahre die Christen erfüllte, nicbt wieder aufkommen zu können gewähnt wurden. So schildern die österreichischen und preußischen Blätter die Zustände der Juden in Rußland. Ukas auf Ukas folgt* welche tief in das religiöse und Familienleben eingreifcn, welche den Juden zum Uebertreten dessen zwingen, was ec für heiliges Gesetz hält, damit er um so eher den letzten Schritt thue und der griechischen Kirche sich zugeselle. Vor Jahren wurden bürgerliche Beschränkungen als Zwangsmittel angewendet; aber diese führten nicht zum Ziele; jetzt legt man religiöseZwangsgesctze auf, um die religiöse Gewissenhaftigkeit zu zerstören. Wir geben zu, daß viele abergläubische Vorurtheile davon betroffen werden — aber für den Menschen bleibt sich das gleich, nicht durch Gewalt, sondern durch Belehrung muffen jene zerstreut werden, und wenn es Aberglauben betrifft, hat da der Russe das Recht ihn bei den Juden zu bekämpfen? Wir stellen hier zusammen, was die jüngsten Blätter brachten: In welcher Weise Rußland die Zivilisation betreibt, erzählt uns ein posensches Blatt. Der bekannte kaiserliche Ukas, das Abschneiden der Bärte und des