Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1851)
- Date
- 1851-07-07
- Page
- Seite 331 (sequence 11)
- Language
- German
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331 seits, daß mittelst der an sie gestellten Bedingungen, von welchen die Aufhebung dieser gesetzlichen Beschränkungen abhängig gemacht wurde, und in deren erste Reihe die Aenderung ihrer eigcnthümlichen Tracht gehörte, die Anbahnung zu einer Reform der galizischen Zudcnschaft überhaupt gemacht werden würde. Bekanntlich haben die Juden diese an sic gestellten Bedingungen nicht angenommen, was aber ein weiterer Beweis ist, daß sie sich im allgemeinen Lebensverkchre von diesen gesetzlichen Beschränkungen nicht beeinträchtigt fühlten, und der großen Masse der christlichen Bevölkerung auf den Dörfern, welche man gegen sie in Schutz zu nehmen für nöthig hielt, durchaus keine Veranlassung gaben, diese Gesetze gegen sie zur Geltung zu bringen; ja, man muß gestehen, daß dieses durch eine Reihe von Jahrhunderten bestehende friedliche Zusammenleben nur von der christlichen Bevölkerung so zu sagen den Gesetzen zum Trotz, ermöglicht worden ist, und hierin liegt der schlagendste Beweis für ihre Friedfertigkeit und Verträglichkeit. Ich habe diese bekannten Thatsachen vorauszuschicken geglaubt, weil ich nicht ohne einiges Befremden in Ihrem geachteten Blatte gelesen habe, daß den polnischen Juden, oder eigentlich den sogenannten „Orthodoxen", welche doch den eigentlichen Kern und die Masse unserer Judenschaft bilden, Menschenfeindlichkeit, Verstocktheit, Aberglaube, Gefährlichkeit für die Gesellschaft und andere dergleichen schöne Tugenden zur Last gelegt werden. Ich will mich nicht zu ihrem Vertheidiger aufwerfen, auch bin ich nicht für ihre Schattenseiten blind, aber im Interesse der Wahrheit fühle ich mich gedrungen, diesen Anschuldigungen entschieden entgegenzutreteu. Ich stehe außer dem Kampfe der Parteien und kann als Christ ein unbefangenes Urtheil in die Wagschale legen. Als galizischer Gutsbesitzer stand ich durch eine lange Reihe von Jahren in den vielfachsten Beziehungen und Berührungen mit den hiesigen Juden, ich Hab« ihr Leben, Treiben, überhaupt ihre ganze Erscheinung mit beobachtendem Auge durch das ganze Land verfolgt, ich habe unter ihnen nicht mehr Menschenfeindlichkeit und Gefährlichkeit für die Gesellschaft entdecken können, als wie dies überhaupt bei Korporationen, welche gemeinsame Handelszwecke verfolgen, angetroffen zu werden pflegt, wol aber habe ich bei ihnen wenig Laster, aber viele häusliche Tugenden und Rücksichtsnahme, das heißt Menschlichkeit, wenn auch weniger von dem, was man Bildung nennt, gefunden. Ich will hier nicht von ihren eigenen inneren Einrichtungen sprechen, denn diese haben doch nur auf sie allein Bezug, und sie erscheinen hierin allerdings wie Einer für Alle und Alle für Einen; aber innerhalb dieses Kreises ist die Mildthätigkeit, die sie gegen ihre Armen beobachten und die so weit geht, daß sich der Reichste des Aermsten nicht schämt und ihm Platz am eignen Tische gönnt, das innige Familienleben, das in seiner ganzen ursprünglichen Reinheit und Bedeutung bei ihnen lebendig ist, der glühende Gottesglaube, vom streng gehaltenen Ritus genährt, der aber, wenn auch zum Fanatismus gesteigert, sich doch in jenen Grenzen bewegt, die entschieden jede thatsächliche Verfolgung Andersdenkender ausschließen, die sie charakterisirenden Merkmale. In ihrer Beziehung zum Staate haben sie sich noch immer als treue und gehorsame Unterthanen bewährt und keinen Antheil an den sie umwogenden politischen Bewegungen genommen. Was aber die Gefährlichkeit dieser „Altgläubigen" der christlichen Gesellschaft gegenüber und ihre Menschenfeindlichkeit betrifft, so berufe ich mich auf das Zeugniß des ganzen Landes, daß ein Jude gegen einen Christen nur dann klagend auftritt, wenn er alle früher versuchten Vcrgleichswege erfolglos gefunden hat, daß er aber auch dann von der Strenge des Gesetzes nur im äußersten Falle Gebrauch macht und selbst noch bei diesem letzten Schritte zu gütlichem Vergleiche bereit ist. Es ist bei uns gebräuchlich, zu der sogenannten Geschäftsschlußzeit (konirakty), die alljährlich in dem Monate Juni stattsindet, Vorausverkäufe der anzuhoffenden ländlichen Erzeugnisse zu machen. Im Jahre 1847 verkaufte ein großer Theil der Gutsbesitzer den im folgenden Winter zu erzeugenden Branntwein, manche bis auf hunderttausend Maß Spiritus zu den gewöhnlichen Preisen an Juden, welche das betreffende Geldquantum in Baarem erlegten. Da mißlang die Erdäpfelernte; wer hunderttausend Metzen anhoffte, erhielt kaum zehntausend, Manche auch bedeutend weniger. Der Spiritus stieg um das Vier- und Fünffache. Die jüdischen Käufer waren vermöge der Kaufurkunden in ihrem vollen Rechte, Vortheil daraus zu ziehen, und doch fand sich nicht ein Einziger, der es gethan hätte. Durch gütliche.Uebereinkunft wurden die Preise den Zeitumständen angcpaßt, wenn auch hin und wieder Einer doch größere Forderungen machte, so waren es