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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-07-07 · Heft 28 (7.7.1851) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 28 (7.7.1851)
Date
1851-07-07
Page
Seite 323 (sequence 3)
Language
German
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323 schieden, veränderlich, nicht allein nach dem Individuum, sondern auch nach dem Volke, der Zeit, d. h. nach dem intellektuellen, moralischen, ästhetischen Begriffen, die zu einer gewissen Zeit im Volke vorwaltend und bestimmend sind. Daher wirken auch auf die konkrete Gestaltung der religiösen Idee die äußeren Verhältnisse ein, besonders die Berührung mit anderen Nationen, der Wechselverkehr mit denselben u. s. w. Die konkrete Gestaltung der religiösen Idee bei den Juden wurde gleich in der .ersten Zeit von den umwohnenden heidnischen Nationen zum größten Theil formirt und modisizirt, daher der Opfecdiensl und das Priesterthum der mosaischen Institutionen und da diese einem weitern Einfluß von Seiten der umwohnenden Heiden offen standen, so kam es, daß auch die religiöse Idee getrübt wurde — Denn sie steht mit der konkreten Gestaltung in Wechselwirkung — und daß viele Juden, anstatt die Lehre von der Einheit Gottes und seiner Liebe ihren Kindern einzuscharfen, diese lieber — dem Moloch zuführten. Die religiöse Idee erhielt sich aber dennoch ungeschwächt im Prophetenthum und seinen Anhängern und als die konkrete Gestaltung nach der mosaischen Institution gänzlich mir dem Staate aufgerieben wurde, lebte die Idee desto kräftiger im Exil fort, drang tiefer in das Volksleben, obgleich die Magierweisheit und der Kultus der Babylonier und Meder auf das Volksleben einwirkte. Zur Zeit des zweiten Tempels wurde daher auch die konkrete Gestaltung ein viel reineres und ungetrübteres Abbild der religiösen Idee, aber der Einfluß des Griechen- und Römerthums wurde — auch in geistiger Hinsicht — ein viel bewältigender, als der des alten Heidenthums. Nach dem Verfall des zweiten Reiches sah sich die religiöse Idee des Juoenthums ganz ohne konkrete Gestaltung, eine um so gefährlichere Krisis, da inzwischen aus seinem eignen Schooße ihm ein Gegensatz im Ehristenthum erwachsen war, der seinen Anschauungen entsprossen Vieles in sich von der religiösen Idee des Judenthums trug und bald, von den Zuständen der damaligen Welt begünstigt, eine enorme konkrete Gestaltung gewann. Aber auch jetzt hatte die Vorsehung gesorgt, denn schon in der letzten Zeit des zweiten Tempels hatte das Rabbinenthum angefangen, den Verfall der konkreten Gestaltung vor Augen sehend, eine andere zu suchen und sie aus dem Staate und Tempel in das Haus zu verpflanzen. Vergebens wirkten jetzt alle Völker der Erde und alle historischen Begebenheiten von Jahrhunderten freundlich und feindlich auf Judenthum und Juden ein, der Jude schloß die Thüre seines Hauses, in welchem die konkrete Gestaltung seiner religiösen Idee in konkretester Art waltete und lebte, er bauete sein Nest auf der Erde, wie die Lerche, und ließ Alles darüber hinweggehen. In geistiger Beziehung wirkten nur eine kurze Zeit und partiell die arabisch-aristotelische Philosophie und die maurische Bildung auf dasselbe ein, es amalgamirte sich bald diese Influenz, und das Rabbinenthum trat nur um so konkreter nach Maimonides auf. Die christliche Kirche und selbst die welterschütternde Reformation dieser Kirche gingen spurlos am Judenthum vorüber, nicht aber die mittelbaren Folgen dieser Reformation, die die Nationen wieder durchdringende Klassizität. Dieser konnte sich das Judenthum auf die Dauer nicht verschließen, da sie seine religiöse Idee an sich unberührt und unangetastet ließ und im Allgemeinen nur die ästhetische und politische Richtung des Menschengeschlechts anging, — sehr wichtige Momente, die aber die religiöse Idee des Judenthums nicht berührten. Den Juden namentlich die Aesthetik der Klassizität zuzuführen, ihnen Geschmack an der Bildung einer von der Klassizität schon durchdrungenen neuern Zeit beizubringen, daran arbeitete Mendelssohn und seine Schule, und es gelang ihnen um so mehr, da sie nicht revolutionär verfuhren, sondern, wie wir gesehen, mit den Elementen ansingen und dies nicht mit fremder, verletzender Methode, sondern auf den Juden heimische und vertraute Weise; es gelang ihnen um so mehr, da natürlich auch in der Masse durch die größere Berührung mit den mildern Sinnes gewordenen Nationen das Bedücfniß geweckt wurde und Basedow nicht der Einzige war, der fle einlud, sich an den von der Klassizität gedeckten Tisch zu setzen und an dem Mahle, welches die neuere Bildung servirte, Theil zu nehmen. Und immer mehr und mehr nahmen an diesem Mahle Theil, bald aus innerm Antrieb, bald aus Nachahmung, bald aus Schamgefühl, nicht zurückzustehen, bald aus Nothwendigkeit, den Hunger zu stillen. Aber die nothwendige Folge war dann auch, das Haus mit seiner konkreten religiösen Gestaltung zu verlassen. Es wurde immer mehr verlassen, es verfiel immer mehr, seine Räumlichkeiten sprachen nicht mehr an, seine Enge inkommodirte, denn wo eine Weltbildung sich Raum verschafft, kann die häusliche nicht mehr genügen. Und so ist es eben der Unterschied auch der neuern Erziehung. Wir bilden unsere Jugend für die Wett und ihre Bildung und nicht mehr für das Haus und die in ihm Jahrhunderte hindurch gewaltet habende konkrete häusliche Gestaltung unserer Religion.

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