Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-06-02 · Heft 23 (2.6.1851) · p. Seite 274

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 23 (2.6.1851)
Date
1851-06-02
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225714-3225738--11771-3241899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

274 nen Gewände, in welchem sie auftraten, den Geist erfrischten, eine neue Aussicht — aber in eine spate Zukunft, wie man wähnte, für die Menschheit eröffnten, aber im Leben nicht genirten, und den bevorrechteten Ständen all ihren Glanz und ihre Macht beließen — auch mit dem Jungen des Löwen kann man spielen — so lange hatten sie auch in den höchsten Ständen ihre Jünger. Der Graf von Vaubreuil war Einer dieser, und sonnte sich in den Strahlen der Aufklärung, welche bereitwillig und ohne Opfer eine edle Wärme verlieh. Man schien sich um so größer, je weniger man dabei von dem Piedestal der Vorrechte herunterzusteigen brauchte. Ach, eine Opposition, ein Liberalismus beim Glase Champagner ist so leicht und ein so gutes Verdauungsmittel!... Gerade weil Joseph ein Jude, aber ein bereits polirter, ein geschmeidiger, aber nicht kriechender, ein nobler, aber doch dienstwilliger Jude war, der ansing, ein großes Haus zu machen und Bedeutung zu erlangen, zog ihn der Graf immer mehr in seine Intimität, behandelte ihn als Hausfreund, ja gestattete ihm den Eintritt in seine Salons und bestimmte seine Gemahlin, die glanzend schöne und feingebildete Dina bisweilen zu ihren Töchtern zu laden. Ec war stolz darauf, die Gleichheit der Menschen anzuerkennen, indem er einen Juden bei sich erscheinen ließ, und pochte in seiner Partei darauf, daß er praktisch ausübe, wovor Andere trotz wohltönenden Phrasen noch einen heiligen Abscheu empfanden. Allerdings sah es Joseph nicht so an. Dem geistigen Leben dieser Kreise stand er fern; er kannte noch Nichts als den uralten Unterschied der Stande und Religionen. Er trug eine tiefgewurzelte Verehrung», gegen den hohen Adel in sich, dem er Alles zu verdanken, der ihn über die niedere Sphäre des Lebens so hoch erhoben, und ohne sich persönlich herabzuwürdigen, hielt er die Vorrechte jenes für eine natürliche und göttliche Institution. Für den Grasen von Vaubreuil und sein ganzes Haus hegte er deshalb die tiefste Dankbarkeit, und hatte den Tag gesegnet, an welchem er ihm irgend ein bedeutendes Opfer hatte bringen können und sollen. Wer hatte sich aber um Benoit verdient gemacht? Niemand als der einfache Meister, der seinen Jaques in die Lehre genommen, ihn ohne Entgelt unterrichtet, und jetzt zu seinem Associe und Nachfolger bestimmt hatte. Sonst hatte ihn Jedermann zurückgewiesen, die Großen am Meisten, von deren Schwelle ihn die groben Portiers mit den silberbeknöpften Staben oft sortgetrieben, wenn sie seinem Schwager lächelnd Raum gemacht. Nur unter dem niedern Volke hatte er Freunde, Kunden, Genossen seines Elends gefunden. Gerade daß sein verhaßter Schwager von den Vornehmen begünstigt wurde, machte sie ihm verhaßt; und wenn die Karossen vor dem großen Hause rechts vorfuhren, verwünschte er die Insassen Beider mit gleicher Inbrunst. Das Alter ist es, wo der HcH geerntet wird, wenn er gesaet worden. Das Alter, wenigeren Leidenschaften zugänglich, hält die eisenfest, die es einmal in die eingeengte Kammer des Herzens ausgenommen. Ohne Voltaire und Rousseau gelesen, ja nur ihre Namen kennen gelernt zu haben, ohne von Montesquieu die Theilung der Gewalten, von Sieyes die Rechte des dritten Standes erfahren zu haben, wüthete er in seinem kleinen Kreise gegen die unnatürlichen und ungöttlichen Vorzüge, die ein Mensch vor dem andern durch die bloße Geburt und durch die Zufälligkeit des Glaubens, dem feine Eltern angehört, haben sollte, und die damals noch so drückend auf dem Volke lagen. Er schwärmte für den Gedanken, daß alle diese Schranken fallen müßten, und wähnte, wie damals Zahllose, daß mit der Geltung dieses Prinzips auch in der Wirklichkeit die mannigfaltigen Unterschiede zwischen den Menschen behoben würden. Man war also in dem großen Hause rechts sehr aristokratisch, in der Hütte links sehr revolutionär gesinnt ... freilich Beides, ohne daß man sich dessen bewußt war. In jenem Geiste war Dina, in diesem Jaques erzogen ... freilich Beides, ohne daß man es systematisch so gewollt. 4. Und Beide begegneten sich. Sie, die wie für einander geschaffen schienen; Beide schöne, kräftige Gestalten, schön in ihrem orientalischen Gepräge; Beide an Verwandtschaft so nahe, an Atter so angemessen; Beide in Einer Hütte geboren, und so nahe einander erzogen; sie waren dennoch durch eine weite Kluft getrennt ... denn wer weiß es nicht, welche Schranke zwischen einem Palast und einer Hütte besteht, wenn sie auch mit den Wanden sich berühren; und nun noch der Haß der Väter.... j Aber sie begegneten sich Beide. Der kleine Streifen! Garten, der, der Hütte gehörig, dem großen Park und! Treibhause des Palastes zur Seite lag, sah an Sonn- und Festtagen den Jaques oft genug graben und pflanzen und die Küchengewächse und Paar Blumen pflegen, die da gediehen. Benoit war kein Freund davon, und früher lag das Stückchen Erde als wüster Grasplatz, um die Wasche darauf zu bleichen. Aber als Jaques heran-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.