Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-05-12 · Heft 20 (12.5.1851) · p. Seite 238

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 20 (12.5.1851)
Date
1851-05-12
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225714-3225735--11732-3241857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

238 sein Auge ruht im Weiterschreiten auf den reichgesegnetcn Flure», deren Ertrag er schon zu berechnen scheint; sie sind sein, die Fluren.... Wanderer begegnen jenem Manne, und eile» nach kurzem Blick kopfschüttelnd weiter. ... Wanderer begegnen diesem Manne, und bleiben achtungsvoll stehen, bis er vorübrrgeschritten, und ziehen den Hut ab und neigen sich tief vor ihm. .. . Du wunderst Dich, Leser, über das Zusammentreffen dieser Beiden, freilich an den gegenüberliegenden Ufern. Aber wie wunderst Du Dich noch mehr, wenn Du nach einer Weile auf die beiden Männer wieder blickst, und stehe, die ganze Szene hat sich geändert. Der Verzweiflungsvolle, er hat „seine Harfe von den Weiden genommen", er hat sich aufgerichtet voll Lust und Glückes, längst liegt die -Versuchung hinter ihm, Du erkennst ihn kaum wieder, so stattlich, so zuversichtlich steht er auf jenem Hügel, und hält den Arm ausgestreckt wie über das Land ein Gebieter.... Und dem Andern ist „seine Harfe worden zur Klage, und seine Schalmei zu Trauertönen", niedergebeugt, mit gekrümmtem Rücken, mit gesenktem Haupte schleicht er dahin, und jeder Schritt stöhnt: „ich kann nicht mehr!" ... Du wunderst Dich, Leser; und doch, wenn Du den Strom Dir nur als den Strom des Lebens denkst, und die Menschen, die zahllosen, beachtest, die an dessen Ufern irren, fürwahr! so stehest Du solche'Wandelnden und solchen Wandel täglich, an denselbigen Menschen, zu einer und derselben Stunde. In den Geräthen des Schicksals sind viele Farben, und es gebraucht und verwendet sie alle, daß das Lebe» jedes Einzelnen sehr bunt an Farben ist — aber dunkel oder Helle sind sie am Ende doch allesammt, hell bis zum lichtesten Sonnenstrahl auf Minuten, dunkel bis zum vollsten Schwarz auf viele, viele Tage. >.. 2. Nicht weit von der Ecke, an welcher die Rue de 8. Roch in die Itue du sentier mündet, einem der verworrensten Viertel von Paris, standen zwei Häuser. DaS Eine, prächtig aus Quadern, mit fünf Stockwerke«, einem Pallast ähnlich, innen einen geräumigen Hof und selbst einen Garren einschließend; das andere eine baufällige Hütte, dem Riesen an die Seite geheftet, ein schmaler Streif längs de» kolossalen Nachbarn. In welchem von Beiden wol das Glück wohnte? Nun, wir sind längst entfernt von jener forcirten Jdyllenzeit, wo jeder Pallast als der Sitz geheimen Unglücks, jede Hütte als die Stätte wahrhaften Friedens betrachtet wurde, dort das Laster, hier die Tugend ihren Heerd aufgeschlagen. Wir wissen jetzt, daß unter jedem Dache, das Menschenhände gebaut, bald die Freude, bald die Trauer ihre Töne vernehmen läßt, und unter jedem Dache Lugend und Sünde ihre Opfer und ihre Huldigung finden. Bevor wir jedoch zu dem Augenblicke kommen, in welchem unsere Erzählung beginnt, werfen wir einen Blick in die Vergangenheit der beiden Besitzer der beiden nachbarlichen Häuser. Es sind zwei Männer, Beide jüdischen Ursprungs und Glaubens, in ziemlich vorgerücktem Alter; Beiden hat der begonnene Winter des Lebens den Schnee auf das Haupt und in den Bart geworfen; Beiden die Zeit Furchen in das Antlitz gepflügt und Runzeln hineingesäet. Obwol der Eine, der rechts im großen Hause, allerdings wohlgenährt und von allem Luxus des Reich» thums umgeben erscheint, so ist doch in diesem Augenblick sein Haupt sorgenschwer auf die Brust gesenkt, sein Ohr scheint ängstlich in die Ferne zu lauschen, und seine Lippen sind voll Furcht zusammengekniffen. Dürr und mager sitzt in einem veralteten Lehnstuhl der Andere, der links in der Hütte, und seine Umgebung spricht für Armuth, sein Aussehn für Entbehrung, sein Rücken für Druck und Bürde — aber sein Auge leuchtet von einem heimlichen Feuer, das wie von Triumph, Rache, endlichem Siege verkündet, und seine Lippen sind höhnisch aufgeworfen; auch er lauscht in die Ferne, aber als ob ihm nur Befriedigung lang gehegter Sehnsucht kommen könnte. Ob diese Stimmung beider Greise in Bezug auf einander steht? Man könnte es vermuthen, denn sie haben, wenn auch vor längst vergangener Zeit, viel mit einander zu schaffen gehabt. Sie gehörten Beide zu den wenigen Juden, die gegen Ende der Regierung Ludwigs XV. fast heimlich in Paris einwanderten, sich da in entfernten dunkele» Stadtvierteln unbemerkt — denn man kannte damals die scharfe, geregelte Polizei unserer Zeit noch nicht — niederließen, und geräuschlos ihren Trödel und kleinen Erwerb begannen. Sie waren mit einander eingewandert, und bezogen gemeinschaftlich die Hütte, die nur der Eine nicht verlassen hat. Sie waren verschwägert, denn Joseph hatte die Schwester des Benoit geheirathet, bevor sie noch ihr Dorf im Elsaß verlassen hatten, und die Frau Benoits war eine, wenn auch weitläufige Kousine Josephs. Bald nach ihrer Ankunft in Paris schenkte die Frau Benoits

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.