Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1851)
- Date
- 1851-04-14
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225714-3225731--11681-3241802- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
191 Alles dem Untergänge verfallen. Auch von diesem Tyrannen sollte G. nicht befreit bleiben. Aus dem Scho»ße der stabilen Orthodoxie erhob sich eine Fraktion, welche sich den Freunden des Neuen und Bessern als Opposition gegenüber stellte. Die Fraktion wurde zur Partei, und nun erhob sich ein Kampf zwischen „All" und zwischen „Rückwärts" und „Vvrwarts", zwischen „Dunkel" und „Hell" — ein Kampf, tot« er schon Ln mancher Gemeinde, aber vkelleicht noch nirgends mit gleicher Erbitterung, geführt wurde. Die Dunkelmänner setzten Alles daran, ihren Zweck zu erreichen, welcher darin bestand, das ancien regime nieder herzustellen, den „alten Schiendvian" wieder auf den Thron zu setzen, wahrend die sogenannte Fortschrittspartei immer fahrlässiger zu Werke ging und sich von ihren Gegnern eine Schlappe nach der andern beibringen ließ. Die härteste war wol die, wenn bei der letzten Wahl der Gemeindevertreter die Partei des Rückschritts das Schlachtfeld behauptete, wenn es dieser gelang, die von ihr aufgestellten Kamdidaten größtentheils durchzubringen. Waren nun bei der Gemeindevertretung die Gegner des Fortschritts in der Majorität, so versteht es sich von selbst, daß dieVerwaltungsdeamten, d. i. der Gemeindevorstand, auch cius dieser Partei gewählt wurde. Einen glänzendem Sieg hätte der Rückschritt nirgends erringen können. Der erste Koup, welchen der neue Vorstand ausführen wo ltte, sollte darin bestehen, daß die zeitgemäßen Einrichtungen Ln der Synagoge, wie Predigt, Chorgesang rc. abgesel-afft und der eilte Kultus wieder eingeführt würde. Ooch dieser Plnn scheiterte an dem Eifer des Herrn H., der damals noch das Amt des Synagogeninspektors verwaltete. AlS aber später Herr H. sein Amt freiwillig niederlegte, da war wieder die Gefahr vorhanden, der von dem neuen.Gemeindevocstande beabsichtigte Streich gegen die Synagoge könnte doch zur Ausführung kommen. Doch wußte man diese Klippe schnell zu umsegeln, indem man wahrend der Abwesenheit des „Vorsitzenden im Gemeinbevorstande" einen Gesinnungsgenossen H's, nämlich den Herrn Sch., zum Synagogeninspektor wählte. Dieser Wahl war Nichts entgegenzusetzen, denn sivwar rechtmäßig und gesetzlich vollzogen worden. Nichtsdestoweniger ließ Herr P., der Präses im Gemeind Vorstände — als derselbe wieder heimkehrte und erfuhr, was wahrend seiner Abwesenheit geschehen war — an einem Freitag Abende in der Synagoge bekannt machen, daß die Wahl des Herrn Sch. zum Synagogen- Lnspektor nult und nichtig sei, und nur n, als erster Gemeindevorsteher, einzig und alle!» zu bestimmen habe, was in derSynagoge beibehalten und was abgeschafft werden solle. Dies geschah, wie bemerkt, an einem Freitag Abende und machte den Freunden der Synagvgenreform wieder einmal das Blut siedend heiß. Der gesetzlich und rechtmäßig gewählte neue Synagogeniurspektor wendete sich sofort an das Landrathsamt und ersuchte dasselbe um gesetzlichen Beistand zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung bei dem Gottesdienste tmt folgenden Morgen, für welchen — wie sich von selbst versteht — Skandal zu besorgen war. Der Landrath stellte zwei Gensd'armes zur Disposition, und dieselben wurden am Sabbatmorge« an dem innern Portal des Gotteshauses postirt. Der Kantor W. begann das Schacharitgebet. Das Publikut« verhielt sich schweigend und Harm der Dinge, die da koimmen sollten. Die Synagogenordnung der Gemeinde G. bestimmt, daß der jedesmalige Synagogeninspektor dse Befugniß habe, die sogenannten Ehrenrechte, wie dLs Oeffnen der heiligen Lade, das Ausheben der Gesetzrollle u. s. w. nach seinem Belieben an die Geineindegliedee zu vertheilen. Herr Sch. hatte, als neuer Synagogeninspektor, von diesem ihm zustehenden Rechte Gebrauch gemacht und die Ehrenrechte v ertheilt. Herr P. harre aber diesmal dasselbe Recht für sich in Anspruch genotrimen und ebenfalls die Ehrenrechte vertheilt. Das KM dischgebet nach Schacharir war beendigt, und der Kant-) c hatte das pa zu rezitiren begonnen. Siehe! da steigen zwei Männer die Stufei, hinan, welche zu dein Tabernakel führen und postirm sich vor dem Letztste,,. Bald darauf erscheinen zwei Audere und thun dasselbe. Aber: sonst zwei — heute vier — warum? Antwort: Herr Sch. hatte zwei, Herr P. ebenfalls zwei zur Aushebung der Thora beschiedsn. Nun stehen sie da, die vier Auserwählten, gaffen einander an und wissen nicht, was -sie thun sollen — Herr Sch. winkt Einem von den Dienern der Gerechtigkeit, derselbe tritt vor, steigt ebenfalls die Stufen zum TabeAnakel hinan und im Wu hat er die Unberufenen, d. r. die von P. Beschüd^- nen, von der heiligen Stätte entfernt. Herr P. prosestirt seinerseits gegen dieses Verfahren; doch der Diemer der Gerechtigkeit bedeutet ihm, daß er, nämlich HerrP., hier Nichts zu sagen habe, und Herr P. weiß was <s geschlagen hat und macht sich aus dem Staube. Das ist der Skandal, welcher an einem dieser Wintersab^ate in der Synagoge zu G. während der Absingung ^es