Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1851)
- Date
- 1851-04-14
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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190 doch besaßen sie noch einige Bücher. Die Jesuiten wußten im siebenzehnten Jahrhundert von diesen Büchern; man gestattete ihnen aber nicht, Einsicht davon zu nehmen. Die neuen Forscher stießen nicht mehr auf die gleichen Hindernisse, und sie konnten acht hebräische Handschriften mit sich nehmen, von welchen sechs Auszüge aus dem Alten Testament sind und zwei die hebräische Liturgie behandeln. Papier, Handschrift und Einband zeugten von fremdem, sehr altem Ursprung: einige persische, mit hebräischen Buchstaben geschriebene Worte lassen vermuthen, daß diese Kolonie aus Arabien oder Persien herrührt. In jenem Falle ist die Entdeckung für Wissenschaft und Geschichte merkwürdig, und wenn es einst den Europäern gestattet würde, in das Innere von China zu dringen, so dürfte noch manche Entdeckung dieser Art gemacht werden. (So erfahren wir hierdurch wenig, was nicht schon bekannt gewesen. Rcdakt.) Korrespondenz. Aus dem Posenschen, Ende Januar 1851. Bilder ans dem Gemeindeleben. Exzeß, Anklage und Urtheil. „Gehört das "p?:D *pa (welches am Sabbat nach Schacharit gebetet wird) zum Gottesdienste oder nicht?" Diese Frage ist neulich von der Staatsanwaltschaft beim Kreisgerichte zu G. dem dastgen Rabbiner, Herrn vr. G. zur Begutachtung vorgelegt worden, und der Rabbiner Herr v?. G. hat geantwortet: "si)22 gehört zum ®otteäbienfte." Darauf hin hat die Staatsanwaltschaft die Anklage erhoben und das Gericht hat den Angeklagten.verurtheilt. Welche Anklage? Gegen wen? Welches Urtheil? So höre ich den Leser fragen. Geduld. Folgende Skizze soll Altes beantworten. G. gehört mit zu denjenigen Gemeinden des Großherzogthums, welche schon in vormäczlichen Zeiten das Bedürfniß, „ihren Kultus zeitgemäß zu reformiren," nicht nur gefühlt, sondern auch — so weit es sich thun ließ — befriedigt haben. Nachdem mit großem Kostenaufwande ein neuer Tempel aufgeführt war, — ein Tempel, welcher an Schönheit und Würde in der ganzen Provinz seines Gleichen vergebens sucht, nachdem eine den Anforderungen der Gegenwart ziemlich entsprechende Synagogen o cd nung entworfen, gedruckt und eingeführt war, — dachte man daran, einen zeitgemäß gebildeten Rabbinen anzustellen, der in der Allen verständlichen Landessprache von der Kanzel herab das Wort Gottes verkünden sollte. Man suchte und fand einen Mann, wie man ihn nicht bester hatte wünschen können, einen studirten Rabbinen, welcher neben einer allseitigen wiffenschaftlichen Bildung auch tüchtige Kenntnisse im Talmud und den anderen jüdischen Wissenschaften sich angeeignet hatte. Nicht lange darauf wurde auch ein musikalisch gebildeter Kantor angestellt, und ihm ausgegeben, einen Chor zu bilden und desselben sich beim öffentlichen Gottesdienste zu bedienen, welcher Aufgabe auch ganz genügend entsprochen wurde. Das ging auch eineZeitlang ganz vortrefflich. Der Rabbiner predigte allsabbatlich und erfreute sich jedesmal des Beifalls aller seiner Zuhörer. Der Kantor sang mit dem Chore und verfehlte niemals den besten Eindruck auf das Publikum hervorzubringen. Die Synagogenordnung wurde streng aufrecht erhallen, im Tempel herrschte die größte Ruhe, die größte Würde — Alles war zufrieden, Alles einig, es schien als wäre vorläufig Nichts mehr zu wünschen übrig. Aber: lempora mutantur et no§ mutamur in illis. Da kam das Jahr 1848 mit seinen riesengroßen bunten Seifenblasen, und — siehe da! eine davon fiel auch auf die Gemeinde G., sie zerplatzte, und — Alles war anders geworden. „Die Gemeindeabgaben sind zu drückend!" schrie man an der Warthe und an der Netze, und in G. halte es wieder: „Ja, sie sind zu drückend, sie sind eine unerträgliche Last, wir wollen uns davon befreien!" Man hörte auf zu steuern, oder wenigstens regelmäßig und pünktlich zu steuern, es schwand die Begeisterung für Predigt und Chorgesang, die Liebe zur Ruhe und Ordnung, man fing an alles Gute und Schöne, so die letzten Jahre geschaffen, mit Gleichgiltigkeit zu betrachten, mit Kälte zu behandeln, und wer weiß es nicht, daß der Jndifferentismus eine gefährliche Klippe ist, an welcher ein Gemeindeschiff scheitern muß? Aber es giebt noch etwas Schlimmeres, als diese Klippe, ein Uebel, welches den Ruin noch schneller und sicherer herbeiführt, und das ist: der Parteigeil). Wo dieses Gespenst umherschleicht, da wüthet die Pest, da ist Alles vergiftet.