Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1851)
- Date
- 1851-04-14
- Page
- Seite 182 (sequence 2)
- Language
- German
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182 dies in früherer Zeit zuerst in Bezug auf die sozialen Lehren und Gesetze des Mosaismus zu durchbrechen gesucht/ und mich bemüht nachzuweisen, daß darin ein solcher Keim liegt, welchen die Gesellschaft nur zu sehr vernachlässigt hat, und der dennoch allein die Wurzel eines gesunden gesellschaftlichen Baumes umschließt. Allgemeinlehren, die sonst doch nur über der Wirklichkeit in der Schwebe hängen, wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", die langst allgemein adoptier sind, aber desto weniger verwirklicht worden, haben dadurch "einen realen Unterbau, der sie nicht blos als ideale Lehre, sondern als praktischen Grundsatz erscheinen laßt. Ebenso verhalt es sich mit dem mosaischen Kultus. Selbst diejenigen, welche ihn — ihrer sonstigen Ansicht von der Offenbarung geradezu entgegen — nur als äußerliches Zugeständniß an die damalige Sitte gelten lasten wollen, müssen doch mindestens die Voraussetzung zugeben, daß jedenfalls dieser Kultus dann so angelegt wurde, daß er der religiösen Anschauung, die Mose seinem Volke übergab und einzuwurzeln strebte, völlig entsprach. Und so wüsten auch diese in diesem Kultus die Lehren des Mosaismus wiedersinden wollen. Ihn nun bei Seite liegen zu lasten, ihn, der 40 Kapitel von den 187 der Schrift einnimmt, und als ein Beiwerk zu betrachten, das uns nur als Antiquität interessirt, ist doch eine kuriose Ansicht derer, welche keinen Vers der Schrift ungezählt lasten wollen. Dies aber gar zu thun aus der Furcht vor der Mystik, die daraus entspringen könnte, halte ich für einfältig. Die Mystik kann niemals in der Erkenntniß der Gedanken, die durch die vorgeschriebenen Formen ausgedrückt werden sollten, liegen, denn diese Gedanken selbst müssen klar und übereinstimmend sein — sondern sie wird allein dadurch hervorgebracht, daß schon die Grundelemente der Religion verdunkelt, und die eigentlichen Lehren derselben durch Allegorie zu phantastischen Nebeleien aufgelöst und auseinandergezerrt werden. Gerade im Gegentheil glaube ich, daß der Mystik, aber nicht blos der Mystik als Schule und System, sondern schon der Mystik, welche sich die Herren „der Einfachheit^ demungeachtet hier und dort erlauben, nicht bester entgegengetreten werde, als daß auch die Formen auf ihre Grundgedanken und Motive zurückgeführt werden. Die wesentliche Frage hierbei ist aber: hat der mosaische Opferkultus wirklich eine symbolische Bedeutung gehabt? Denn wenn dies unabweislich entschieden ist, so kann jede Forschung nach derselben nur willkommen sein, und selbst der kleinste Schritt, der uns tiefer in das Schweigen des alten Heiligthums führt, muß dankbar ausgenommen werden. Ich habe es also hier noch nicht mit der Skizze meiner Auffassung zu thun, die ich in jener zweiten Vorlesung gegeben — denn schon dort habe ich mich auf die Detaillirung und Beweisführung im ersten Bande meines Bibelwerks berufen — als überhaupt mit der Vorfrage. Nun sollte es überhaupt sonderbar erscheinen, anzunehmen, daß die Schrift Formen in solchem Detail und mit so tiefem Ernste (man erinnere sich an Nadabs und Abihu's Tod) vorschreiben sollte, ohne daß sie mit diesen Formen bestimmte Gedanken verband. Aber man Hilst sich, indem man annimmt: da das Volk und die damalige Sitte einen Opserkultus nothwendig machte, so galt es nur, denselben auf die einfachsten Formen zu reduziren, und diese Einfachheit springt in die Augen, da nur Ein Heiligthum, vier Opferarten, vier Opferthierarten, vier vegetabilische Ingredienzen u. dgl. bestimmt wurden. Aber einerseits ist diese Einfachheit denn doch durchgängig nicht wahr; man denke z. B. an den komplizirten Kultus am Versöhnungstage, an die Unterscheidung, wohin das Blut des Opfers komme, an die verschiedene Art, wie jede Opferart behandelt wurde u. dgl. Andererseits würde dadurch der ganze Schriftkultus zu einem solchen hors d’oeuvre. zu einem solchen Außen- und Beiwerke, daß wir die Wichtigkeit, die ihm die Schrift andererseits beilegt, nicht begreifen mögen. Warum hatte die Schrift diesen, von ihr innerlich nicht ernst gemeinten Kultus wieder so geordnet, daß er in das ganze Leben des Israeliten eingriff, daß er die Erstlinge und die Zehenten seines Ertrages beanspruchte, daß er bei jedem Kindbett, bei jeder Berührung eines Leichnams, bei dem Aussätzigen u. s. w. sich geltend machte? Nein, von welchem Gesichtspunkte wir ausgehen, wir müssen dem Schriftkultus eine innere Bedeutung zusprechen, wir müssen die vorgeschriebenen Formen nicht als Solche verstehen, die nur als tobte Formen hingestellt waren, hingestellt, weil das Volk einmal Formen verlangte, sondern mit denen bestimmte Gedanken verbunden waren, die sie belebten, und durch die sie zu religiösen Zeichen (m«) erhoben wurden. Indeß hat auch die Synagoge selbst diese Auffassung nie geleugnet. Ob die Ansicht, daß die Opfer nur allein die Sühnung der Schuld und Verunreinigung symbolisirten, die richtige sei, oder nicht, kann bestritten werden, allein diese Ansicht hatte die Synagoge stets. Die Ansicht aber, daß die Opfer durch das Blut versöhnten, ist