Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1851)
- Date
- 1851-03-24
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 „Edle Frau," sprach der Graf und ergriff Noemie's Mutter bei der Hand, „Dein Martyrerthum ist zu Ende: der Tag der Wiederherstellung ist erschienen; durch Dich habe ich Tugend und Entsagen kennen gelernt. Ehe ich Dir begegnete, schwankte ich von Vergnügen zu Vergnügen, von Genuß zu Genuß, ohne mir je von meinen Pflichten Rechenschaft zu geben, ohne meinen Geist zur Quelle des Wahren und Guten zu . erheben. Dein Widerstand setzte mich in Erstaunen. Du verschmähtest das Gold, welches ich Dir bot, und als ich Dich fragte, was der Grund wäre, weshalb Du Deine niedere Hütte den stolzen Palästen vorzögest, die ich Dir zu Füßen legte, antwortetest Du: die Religion und die Achtung für Deinen Gatten. Ich wollte diese Religion von Grund aus kennen lernen, ich wollte auch die Schriften des berühmten Rabbi verstehen und begreifen, der trotz seines vorgeschrittenen Alters so innige Neigung hatte einflößen können. Du hast mich verstanden, Du ahntest, haß ich mehr der Gesinnung als dem Herzen nach schuldig sei, Du hast Dich aufgeopfert, mich religiös zu bilden. Durch Deine Hilfe verstehe ich die Sprache der Propheten, lese ich das Buch des größten Gesetzgebers, durch Dich habe ich ein Volk achten gelernt, welches ich verachtete: meine Erkenntlichkeit wird ebenso glänzend sein, als Deine Hingebung bescheiden war. Mit aller Macht, die Gott mir gegeben hat, werde ich die Sache Israels vertheidigen." „Und mein Gatte/' sprach die Mutter Noemie's, „hält seine Frau für strafbar! er glaubt, daß diejenige, der ec seine Ehre anvertraut hat, die heiligsten Pflichten mit Füßen tritt/' „Morgen werde ich zu ihm gehen, ich werde alle Zeichen des weltlichen Stolzes ablegen; ich der Graf, Senator, Palatin, der Millionär, werde zu Fuß in dem Gewände, mit welchem sich jetzt Israel Ln seiner Erniedrigung bekleidet, wandern. Im Namen meines Stammes werde ich ihn um Verzeihung für die fünf Jahrhunderte einer Schmach bitten, zu der das frömmste Volk der Erde verdammt ist. Ich werde fragen, wie ich meine früheren Fehler büßen kann: Dein ebenso weiser als frommer Gatte wird mich meine Pflichten lehren, und ich bin, um sie zu erfüllen, bereit, meine Würden, mein Vermögen, mein Leben zu opfern." Der alte Rabbi lauschte diesen Worten und jeder Laut erhob seine trauernde Seele zum Himmel. Statt einer schuldigen Frau fand er einen Engel. Die Bitterkeit, die sein Atter vergiftete, verschwand, um einem ungetrübten Glücke Raum zu geben. Er konnte fürderhin dem Herrn dienen, ohne sein Haupt vor den Neidern und Bösen zu beugen. Ec sollte in die Gruft steigen, wie er gelebt hatte, geachtet und geehrt. So viele Gefühle strömen auf ihn ein, er kann seine Bewegung nicht beherrschen, seine Dankbarkeit gegen das höchste Wesen reißt ihn dahin. Mit Thränen in den Augen stimmt er in seiner Muttersprache das Loblied an, welches David dem Ruhme des Herrn sang: „Ruhm, Ruhm dem Gotte, der mein Gebet nicht verschmähte, der seine Gnade nicht von mir entfernte!" Der Graf hört mit Erstaunen dieses Lied, das er mehrmals voll Bewunderung gelesen hatte. Ohne zu forschen, woher der Gesang komme, und wer diese Worte spreche, vereinigte er seine Stimme mit der des Greises. „Ruhm dem Ewigen, ihm altem Ehre und Ruhm; der Ewige ist barmherzig, langmüthig und voll von Güte. „Der Ewige stützt die Fallenden, richtet auf die Gebeugten. „Der Ewige ist gerecht und voll von Güte. „Der Ewige ist nahe alle denen, die ihn anruftn, erfüllt die Wünsche derer, die ihn fürchten; der Ewige wacht über die, die ihn lieben. „Ruhm, Ruhm dem Ewigen, ihm allein Ehre und Ruhm." Noch hatten sie nicht geendet als die Mutter Noemie's zu den Füßen ihres Gatten lag. Der Greis erhebt sie, drückt sie an sein Herz. Die Kinder neigen sich voller Ehrfurcht vor der heiligen Frau, die so viel gelitten hat. Der Graf war ein froher Zeuge der Huldigungen, die die ganze Familie der Frau erwies, deren Hingebung so erhaben war. „In guter Gesellschaft finden wir Sie," sagte der Bischof von Wilna lachend, der seit einigen Augenblicken schweigend die Szene betrachtete, die wir soeben geschildert haben; „Sie singen so schön, daß sie einen Vorsänger in einer Synagoge abgeben können. Bravo! Bravo! . .. Was wird der König und. der Adel sagen, wenn sie vernehmen werden, daß der Senator Palatin, Graf Potocki die Welt verlaßt, um seine Nachte mit einer Jüdin zu verbringen?" „Ich weiß nicht, mein Herr, was der König sagen, was der Adel denken wird; aber ich versichere Sie, daß ich in Gegenwart Seiner Majestät und dem versammelten Adel gegenüber nicht arßffehen würde, den Tugenden