Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1851)
- Date
- 1851-03-24
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
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148 Wenn dann Art. 47 besagt, bauliche Einrichtungen für das Gotteshaus, die einen Kostenaufwand von mehr als 2000 Gulden verursachen, können nur durch eine ^3 Mehrheit der abstimmenden Gemeindeglieder zur Ausführung kommen, so weiß Jeder, der die Gemeindeverhältniffe nur irgend kennt, daß das so viel heißt, als sie dürfen nie vorgenommen werden. Denn die Orthodoxie, zu ^/ir berechnet, stimmte in Masse dagegen, wie leicht findet sich dann noch Etwas über */12 in der übrigen Gemeinde, das dagegen oder gar nicht stimmte! Wer nun ferner die schlechte Beschaffenheit des israelitischen Gotteshauses kennt, diesen ungesunden, kellerartigen Aufenthalt für die Männer, diesen orientalisch abschließenden, sestungsbauartigen Aufenthalt für die Frauen, diese Unmöglichkeit, daß daselbst die ganze israelitische Jugend des aufgeklärten Theiles der Gemeinde, namentlich die weibliche, dem Gottesdienste ungestört beiwohne: der wird zugleich wissen, daß einen Neu- oder Umbau der Hauptsynagoge verfassungsmäßig unmöglich machen so viel heißt, als die freie Entfaltung undBessergcstaltung des religiösen Lebens in der Gemeinde mit eigenen Händen zerstören. Und weshalb? um einer eigensinnigen Minorität nachzugeben! Das ist noch nicht dagewesen! Mag man von dem Synagogenbauc halten, was man immer wolle, zu seiner Unterlassung sich verpflichten, diese Verpflichtung in die Gemeindeverfassung aufzunehmen — das ist beispiellos! Wir könnten noch Vieles anführen, was indirekt den Weg, den die Majorität der hiesigen Gemeinde seit so langer Zeit beschritten hat, völlig abschneiden würde, und zwar nicht zum Vortheil der orthodoxen Partei, sondern nur um der andern Seite unüberwindliche Hindernisse, und jener dadurch eine Befriedigung zu schaffen. Diese spitzfindigen Kniffe, welche an die verlebten frankfurter „Reformsreunde" erinnern, konnten der Mehrheit nicht verborgen bleiben, und — das Machwerk siel. Sind wir dadurch auch augenblicklich um eine Hoffnung ärmer, so wurden wir doch auch um die Ueberzeugung reicher, daß der gesunde Menschenverstand und die Liebe zum ruhigen, aber unaufhaltsamen Fortschritt hier ihren Boden noch nicht verloren haben! Berlin, 15. März. (Privatmitth.) Am 9. verstarb mehr als 82 Jahre alt der Rentier Gumpertz. Ec war früher lange Zeit Aeltester der hiesigen Gemeinde, und hat als Solcher einen traurigen Ruf erhalten, da er es war, der das berufene Gutachten am 7. Dezember 1820 an das königl. Ministerium gab, nach welchem „Judenrabbiner keine Jugendlehrer und keine Religionslehrer" seien, sondern „Nichts weiter als Gesetz- und Schriftkundige, von denen sich die Juden Belehrungen über die Auslegung der Zcremonialgesctze" erholen, eine Ansicht, die von der Regierung adoptirt wurde und von unermeßlichem Einfluß war. Er hat viele Legate an jüdische und christliche Anstalten vermacht, unter Anderm auch ein Kapital, aus dessen Zinsen die Invaliden am Jahrestage des Einzuges det Alliirten in Paris Wein zu trinken bekommen. Aus der Provinz Posen, im Februar. (Privatmitth.) Haben wir uns in unserm jüngsten Artikel (No. 7) über die diesseitigen jüdischen Zustände im Allgemeinen vernehmen lassen, so sei es uns heute gestattet, Ihren Lesern wieder einmal einige Details aus den Gemeinden des Großherzogthums mitzutheilen. — Lassen Sie uns, wie gewöhnlich, mit Posen, der Hauptstadt und Hauptgemeinde unserer Provinz, den Reigen eröffnen. Die große und wichtige Frage, ob die sogenannten „Abgelösten" durch die gezahlten geringen Ablösungsgelder von der Verpflichtung, „die Gemeindeschulden mit tragen zu helfen", sich befreit haben — ist noch nicht entschieden. Herr Sal. Eger ist noch Oberrabbiner, also nicht nach Kalisch gegangen. Herr Pleßner predigt nach wie vor in der modernisirten, aber nicht reformirten „Neuen Schule." Der Brüderverein,welchem vr. Goldstein die entschiedene Reform predigt, denkt daran, sich als besondere Gemeinde zu konstituiren, und will den Namen „Brüdergemeinde" annehmen. Es gehört zu den Wünschen und Plänen der Brüdergemeinde, eine Orgel anzuschaffen und deutsche Gebete einzuführen. Wir können solch würdigem Streben nur das beste und baldigste Gelingen wünschen. — Das jüdische Schulwesen von Posen haben wir im vorigen Sommer in diesen Blättern genugsam besprochen. Es ist noch nicht besser geworden. Daß im Gemeinderath 4—5 Juden sitzen, darf und kann Keinem mehr auffallen. Solche Erscheinungen sind keine Wunder mehr. Traurig genug aber, daß sie es durch viele Jahrhunderte und bis vor wenigen Jahren noch gewesen sind. Traurig genug, daß —