Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1851)
- Date
- 1851-03-17
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
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ISS dere Sprache ebenfalls ertönen darf. Za selbst gegen die Orgel, was könnt Ihr für ein älteres Verbot geltend machen? Nachweisbar fand sich ein der Orgel ähnliches, aus vielen Pfeifen neben einander bestehendes, Instrument schon im Tempel, Magrefa genannt; das 'an mpiri haben die bedeutendsten rabbinischen Autoritäten stets auf Dinge, die unmittelbar auf das Heidenthum Bezug haben, ausgelegt; der Gesang ist längst Ln allen jüdischen Betstatten heimisch, und Prag und Korfu hatten in alten Zeiten schon Instrumentalmusik, ja selbst Orgel damit verbunden; endlich daß der Jude am Sabbat ein Instrument nicht spielen solle, gründet sich allein auf: TiB •'te Ipm «72W fr-pta Q11V7-, auf die Furcht, man möchte am Sabbat eine Einrichtung am Instrumente machen, Erubin 104, a u. a. O., was aber Tosephot (Beza 30, a) und Magen Abraham im Orach Chajim §. 338, 8 als auf uns nicht zutreffend bezeichnen, am Wenigsten aber bei der Orgel und beim öffentlichen Gottesdienst möglich ist. Man sieht, die Reform hatte sich hiermit auf einen Boden gestellt, wo sie mit dem Buchstaben in der Hand kaum zu widerlegen war, und die Widerlegung stets unglücklich ausgefallen ist. Aber gehen wir aufrichtig zu Werke, so hatte die Reform damit ihren eigenen natürlichen Boden verlassen, und die Gegner hätten daher vielmehr ein Gleiches thun, und sich auf den Boden der Reform begeben müssen. Sie hatte sagen müssen: indem die Reform diese Satze des Talmuds für sich an. führt, und die Autorität des Talmuds in einzelnen Aeußerungen anruft, erkennt sie also die Autorität der Geschichte an; dann aber darf sie nicht anknüpfen «ollen, wo wir vor 18 Jahrhunderten standen, dann aber darf sie nicht eine 18 Jahrhundert alte Entwickelung mit einem Male durchstreichen und ignociren wollen; dann darf sie den Gefammtwillen der Glaubensgenossenschaft, der sich Ln der Ausbildung und Erhaltung dieses Kultus ausgesprochen und bethatigt hat, nicht verleugnen und durchbrechen wollen. Die positive Religion, mußten sie sagen, hat die Geschichte zu ihrem steinernen Fundament; nehmt dieses Fundament hinweg, und euer Rationalismus hat Nichts, was er dafür an die Stelle setzen kann, denn was ihr aus dem Ueberlieferten kritisch heraussichtet, wird eine darauf folgende, schärfere Kritik wieder ebenso behandeln, bis die letzte Kritik Alles verwirft. Die Geschichte besteht aber in der ununterbrochenen Neben lieserung; ihr könnt nicht hier, nicht da ein Stück aus ihr Herausreißen; ihr müßt sie Ln ihrer strengen Aufeinanderfolge nehmen; ihr wrüßt daher auf dem Bestehenden, wie es zu euch gekommen, bleiben, und da sagt euch denn die Synagoge: so, wie der Kultus jetzt ist, ist er seit Jahrhunderten ein Wehender, also ein vorgeschriebener, ein gesetzlicher. Erst, wenn der Pri»ziplenstreit auf diesem Gebiete wieder angelangt ist, ist e r ein aufrichtiger; rvenn sowot die Orthodoxie die Berufung auf das Wort späterer Rabbinen, als auch die Reform auf das Wort früherer Talmudstellen aufgiebt, Indern auf die eine Seite die Bedeutsamkeit des geschichtlich Bestehendenauf die andere Seite die Berechtigrmlg der geschichtlichen Entwickelung gestellt wird, kiuirn Klarheit und Ausschlag erfolgen. Denn was wesentlich die Reform behaupten muß, ist Folgendes: der Kultus vvar und ist stets der Ausdruck der innern religiösen Anschauung. Dies ist seine Bedeutung, seine Bestimmrmg, sein Zweck. Sobald daher der Kultus aufhört, der: Ausdruck der religiösen Anschauung zu sein, sobald er mit dieser Ln Widerspruch, Ln unleugbaren Zwiespalt geräth, so ist er unwahr, und kann sich auf die Länge mic^t erhalten. Die neuere Zeit hat in den Juden des r estlichen Europas eine unleugbare Veränderung der religiösen Anschauung hervorgebracht; sie mußte dies, weit eine andere Geistesbildung an sie gekommen ist, u«d sie durchdrungen hat; diese Veränderung prägt sich im vielfachen Dogmen, aber auch besonders in der Leugnmng der Verpflichtung auf bestimmte Kultformen aus. Wer dies nicht zugeben will, braucht nur auf zahllose Individuen um sich zu sehen. Die religiöse Anschauung ist demnach mit der bestehenden Kultusform in Widerspruch getreten, und Letztere muß daher umgestaltet werden» Sie würde sonst völlig unwahr sein, und in ter Fortsetzung dieses Zustandes würde die von ihr unbefriedigt werdende Zahl der Individuen immer mehr wachsen und abfallen, und sie so ihr eigenes Grab bereitem, indem sie zugleich den Zusammenhang der Synagage mit den Bekennern des Judenthums zu unabsehbarem Nachtheil für die Gesammtheit wie für die Einzelnem immer mehr auflösen würde. Die Reform muß daher ihre Berechtigung allein in der geschichtlichen Entrvickelu»z Nachweisen. So wie David aus der veränderten, die Symbolik verlassen habenden religiösen Anschauung di«e Psalminstitution mit Gesang und Musik einführte; so wie aus veränderter, den Opferkultus überragender Anschauung die Synagoge als Lehr- und Betstätte hervorging; so wie aus veränderter, den