Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1851)
- Date
- 1851-03-10
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225714-3225726--11611-3241727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
128 leitzolles von den fremden, in Polen sich zeitweise aufhaltenden Israeliten aufgehoben wird, wonach diese Abgabe vom 13. Jänner 1851 angefangen gänzlich aufzuhören hat. Diese Abgabe betrug 2 Silbrrrubel 24 Kopeken oder 15 fl. p. für je 3ü Tage, von jeder einzelnen Person ohne Unterschied des Standes, Filters und Geschlechtes. Belletristisches. Das Verbrechen in Werki. Erinnerungen aus Litthauen. Nach dem Französischen des Jean CzyNöki. (Fortsetzung aus No. 7. 9.) „Die Magd gestand mir nach vielen Fragen und nachdem ich sie reichlich belohnt hatte, daß der erzürnte Vater in einer Nacht seine Tochter verwundet habe, daß Noemie sich nicht darüber beklagte, daß sie niemals davon spräche. „Euch zu sagen, was in meiner Seele vorging, ist unmöglich. Ich entließ meine Schüler, ich kümmerte mich nicht mehr um meine Studien, ich konnte nicht mehr essen, der Schlaf floh mich. An mein Fenster gebannt betrachtete ich dies Haus, aus dem Niemand kam und welches unter dem Scheine der Frömmigkeit Verbrechen und Laster birgt. Und was meine Bestürzung noch vermehrte, was wiederum einen Zweifel, eine Hoffnung in meiner Seele laßt: oft habe ich den Vater auf seine Tochter sich stützen sehen und bemerkt, wie er ihr die zärtlichsten Liebkosungen ectheilte. Ost habe ich Thranen auf ihr, an seine Brust gelehntes Haupt fallen sehen. Zuweilen bemerkte ich auch Noemie's Mutter. Siekniete vor ihrer Tochter, sie betrachtete sie mit Bewunderung, mit Entzücken. Auch sie weinte. Sie würde ihre Hände geküßt haben, hatte Noemie sie nicht erinnert, daß sie ihre Mutter sei. Ich sagte mir: In diesem Hause ist eher ein Unglück als ein Verbrechen verborgen. Frevler, die in Laster versunken sind, weinen nicht. Die Vorsehung gewährt nur dem ohne eigene Schuld Unglücklichen die Erleichterung der Thränen. Alsdann erinnerte ich mich, daß Ihr in Werki wohnet, daß Ihr an mir Theil nehmet, wie an einem Sohne. Ich glaubte, daß Ihr Kenntniß von dem, was hier vorgeht, haben, daß Ihr mich aus der schmerzlichen Ungewißheit reißen würdet, die meine Seele umfangt. Ich verlasse mein unseliges Stübchen, ich treffe auf der Landstraße einen Mönch, der mich des Raubes, des Mordes anklagt ... Ihr wißt das Uebrige." Und Schluchzen erstickte seine Stimme. „Jetzt, mein Sohn, begreife ich Deinen ganzen Schmerz, Deine ganze Verzweiflung. Bete, bete am Morgen, bete am Abend, bitte den Herrn, aus Deinem Herzen die verderbliche Liebe zu einem schuldigen Mädchen zu reißen." „Schuldig! seid Ihr dessen gewiß, meine Mutter? O, sprecht, sprecht; es ist besser sein Unglück zu kennen, als stets daran zu zweifeln." „Du willst es, mein Sohn, so höre denn. Als ich bemerkte, daß der Wagen, der nach Wilna ging, eine Jüdin zurückbrachte, wußte ich noch nicht, wer von Beiden, Mutter oder Tochter, hierher käme. Die Mutter Noemi's ist noch nicht vierzig Jahr alr, sie ist noch schön, und wenn die Tochter die Frische der Jugend für sich hat, so übertrifft die Mutter dieselbe an Sicherheit der Haltung. Uebrigens sind sie einander so ähnlich, daß man sie für Schwestern halten könnte. Ich wollte wissen, wer von Beiden hierher käme: ich begab mich nach Wilna zu Goldberg. Ich begegnete der Tochter zuerst. Sie empfängt mich mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit, aber ich bemerkte, daß meine Gegenwart ihr peinlich war und sie in Verwirrung gesetzt hatte. Sie ist es, dachte ich, aber ich wollte Gewißheit haben. „Ehedem, Noemie, sagte ich zu ihr, warst Du sehr liebevoll, wenn Du Diamanten nach Werki brachtest; Du verließest das Schloß nicht, ohne die arme Goldwaffer zu besuchen, und erst gestern bist Du in einem Wagen wie eine große Dame gekommen und als Solche wieder abgereist, ohne meine niedre Hütte zu betreten." Diese Worte trafen sie wie ein Blitzschlag, sie warf sich mir zu Füßen und bat mich still zu schweigen. „Sagt Nichts zu meinem Vater, Nichts zu meiner Mutter, sprach sie, ich bitte Euch darum im Namen des Herrn. Der Schein ist wider mich, aber eines Tages, hoffe ich, werdet Ihr mir Gerechtigkeit widerfahren lassen." Ich erhob sie bleich wie der Tod, ich versprach ihr, nicht davon zu reden, und ich habe mein Versprechen gehalten, Du bist der Erste, dem ich das traurige Geheimniß offenbart habe. „Seitdem habe ich sie beobachtet und ich glaube ihre Gedanken zu errathen. Sie hat das Herz des Greises gerührt; wie es der Esterka beim König Kasimir gelang;