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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-03-10 · Heft 11 (10.3.1851) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 11 (10.3.1851)
Date
1851-03-10
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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123 Opferkultus heran, so erstand die Synagoge neben dem Tempel, so nahm das Gebet die Stelle des Opfers nur mit der Bedingung ein, wenigstens die Gesetzstücke über die Opfer in sich aufzunehmen. Jeder Versuch eines plötzlichen Bruchs mit dem Bestehenden sehen wir im Judenthume ohne wertere, eingreifende Folge bleiben, wie z. B. den der Käraer. Mit der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war ein ungeheurer Umschwung deS Geistes innerhalb der Juden des westlichen Europas voc sich gegangen. In Deutschland hatte er seinen Ausgangs-, hat er noch jetzt seinen Mittelpunkt. Die europäische Kultur drang in die bis dahin ausgeschloffenen Juden ein, und die Juden bemächtigten sich ihrer nach allen Richtungen hin. Eine Veränderung der religiösen Anschau ang, und damit des Bedürfnisses, mußte die unmittelbar Folge sein. Fragen wir nun nach dem wesentlichen Punkte dieser veränderten Anschauung, so finden wir ihn Ln dem eigentlichen Mittelpunkt des Synagogensystems selbst, d. i. in dem Grundsatz der Verpflichtung für die festgestellten Kultusformen. Wir müssen diese Verpflichtung aber ja nicht äußerlich und oberflächlich ansehen, etwa blos darum aufgesteM, weil Etwas vorgeschrieben war. Sie liegt tiefer. Wir haben gesehen, daß der Kernpunkt des mosaischen Opferkultus die Verbindung des Menschen mit Gott war. Um diese Verbindung immerfort zu erhalten mußten alle Störungen derselben symbolisch entfernt we«deu. Der im Opferkultus als Zielpunkt ausgeprägten Erhebung zu Gott mußte daher stets ein „Bedecken", ein symbolisches Versöhnen der Sünde vorangehen, bargestellt durch das Sprengen des Opferblutes an den Altar. Indem aber die Symbolik des mosaischen OpserEultus sich in und aus dem Bewußtsein des Volkes verllor, trat an die Stelle des eigentlichen Gedankens die Ansicht, daß das Opfer nichts anderes thue und bedeute, oCS die Sünde zu sühnen, und daß es dieses nicht etw» symbolisch, sondern an sich und wirklich rhue. Zuerst machte sich diese Ansicht im Volke Raum, trotzdem S«imuel, die Propheten und Psalmisten dagegen kämpften-, später ging sie auch in die Lehre über, und der Rabbinismus kennt gar keine andere. Mit der Meinung, daß »§s Opfer die Sünde sühne, war natürlich auch die Verpflichtung zum Opfer aufs Engste verknüpft, denn da Ut Mensch sündigt und dies durch das Opfer gesahnt wirb, muß Letzteres gebracht werden. Nachdem nun die Synagoge das Gebet an die Stelle des Opfers gebracht, konnte sie gar nicht andersals das Gebet für ebenso verbindlich, ebenso verpflichtet) erklären. Es ist dieö ganz derselbe Fall im KathMzismus, der eben an jene radbinische Ansicht vom Opfer ebenfalls anknüpfte, ja noct) mehr der Fall als in der Synagoge, indem die christliche Kirche nicht blos in bestinmnten Geberformen, sondern mit dem Abendmahl auch e-inen symbolischen Akt zur Sühne der Sünde, zur Vermittelung des Menschen mit Gott, beibehielt. Hier ist es nun, wo der moderne Umschwung des Geistes eine völlig andere Anschauung herbeigeführt hat. Diese leugnet diese Verpflichtung. Sie sagt: sündizt der Mensch, so kann sie Sühne nur einerseits durch möglichen Schadenersatz und Besserung, andrerseits durch bas innere Ringen des Geistes nach Wiedererhebung zu Gott geschehen, niemals aber durch das Vollbringe irgend einer äußern Form. Kann also weder durch irgend ein Symbol, noch durch irgend eine äußere Form eine wahre Versöhnung brr Sünde geschehen, so sind a ach jene durchaus nicht verpflichtend. Sie können und »lögen benutzt werden, damit wir in uns diejenige Stimrnung Hervorrufen, welche Zur Besserung und zur Erhebung des Geistes dienen, aber eine Verpflichtung auf fic, so daß ohne sie keine Sühne möglich, so daß ihre Vernachlässigung selbst Sünde sei, erkennt die moderne Anschauung nicht an. , sie findet eine solche Verpachtung im geraden Widerspruch mit dem Begriff des Gebetes. Das bloße Wort des Gebetes, sagt sic, ist eben nur Wort wie jedes arrbere, es kommt also aus seinen Sinn an; das bloße Absagen dieses Wortes ist eben «uc Absagen, es kommt vielmehr auf das Fassen und Verfolgen dieses Wortes durch den Geist an. Das Gebet ist demnach ein Solches nur, wenn der Geist in voller Stimmung es zum Ausdruck seiner Gefühle und Gedanken macht, und da diese Letzteren sich nicht stets dazu bestellen lassen, so ist das Gebet völlig bedeutungslos, wenn diese Stimmung nich-t dabei ist, was freilich Einzelne unserer Weisen schon vor Alters gesagt haben. Da nun zugleich die neuere Forschung nachweist, daß der Nosaismus dem Volksbewrrßtsein gemäß seine Kultakte nur symbolisch ausgestellt, die symbolische Sühnung nur eia Glied des ganzen symbolischen Kultaktes war, welches sobald der Opferkult seinen symbolischen Charakter ve-rloren hatte, mit ihm faUm mußte, daß also der Mofiismus außerhalb dieses symbolischen Kultus keine Verpflichtung mehr aufstellte, sondern nur Schadenersatz und Besserung als Sühnung (unerkannte; da ferner auch der T^atmudismus in seinen während des zweiten Tem-

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