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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1851-03-03 · Heft 10 (3.3.1851) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
15 (1851)
Issue
Heft 10 (3.3.1851)
Date
1851-03-03
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
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111 Diese Gebete waren allesammt hebräisch, kurz, klar, freilich von geringem Schwung, und wenig in die Gefühle des Einzelnen eingehend. Biele derselben fanden ihre Aufnahme nur auf Umwegen. Einzelne Männer faßten sie bei besonderer Gelegenheit ab; ihre Schüler verbreiteten sie; hie und da wurden sie ausgenommen; und als endlich das Gebetbuch geordnet wurde, wurde nach dem Uclheite der Ordner bei- und für alle Gemeinden festgehulken, was passend schien. Namentlich waren es die, irr. früherer Zeit sehr geachteten Vorbcter, welche Stücke, die sie verfaßt, vortrugen, so sie gefielen, wiederholten, bis es als Pflicht angesehen wurde, sie zu lesen. Hieraus entstand nun, nachdem das gewöhnliche Gebetbuch in seinen Hauptbestandtheilen schon eine festere Gestalt gewonnen hatte, ein ganz neuer, ungleich größerer Anwahs. Es trat nämlich eine Art Kunstdicchtung von Gebets insonders für Festtage, besondere SabLate, Bußtage Mf, künstlich geformte Hymnen, Gebete, Elegieen, Darstellungen aus der Hagada, in alphabetischer Form, mit Akuostichen, mit zahllosem Reim, in oft barbarischer, aller Grammatik entschlagener, willkürlicher Sprache, die bis an Unverständlichkeit grenzt. Es sind dies die Piutim, gedichtet von den Peitanen (vom griechischen noiTjxqg), Mit Wenigem begann diese höchD merkwürdige, bald das Erhabenste erreichende, bald bis zum Lächerlich Aen sinkende, in sich eine ungeheure, aber abentheuerlich und geschmacklos angewandte geistige Kraft bergende Gebetpoesie in der zweiten Hälfte des 8ten Jahrhunderts, aber entwickelte sich durch das Auftreten R. Elasar den Jakob Kalir's um das Jahr 970 auf das Fruchtbarste. Seine Piutim, schnell verbreitet, wurden in der, Synagogen Italiens, Frankreichs und Deutsch-! lands eingeführt, Anfangs nur durch die Asrberer rezitirt, riachmals von der Gemeinde mit hergesagt. Ihm folgtet, nun neue Peitanim, die sich nicht cuf dem Gej biete der Hagada allein hielten, sondern auch die Halacha j in ihrer oft räthselhaften Sprache bearbeiteten, z. B. die! tt-na* am Versöhnungstage, die 613 Gesetze umd dgt. Die I bedeutendsten dieser Gebetdichter lebten bis 1100, ich erwähne unter ihnen auch des berühmten Raschi, der drei Selichot verfaßt. Im 12ten Jahrhundert verdoppelte sich ir-ch die Zahl der Peitanim, aber ihre Fruchtbarkeit nahm ab, ihr Stil wurde klarer, aber dürrer. Einzelnes würbe auch noch im 13ten und 14ten Jahrhundert gearbeitet. So war der einfache Sidur zum vielbändigen Machsor geworden, so aus der einfachen Mischung von hochj»etischen Psalmen und nüchterner Gebetprosa im Sidur, ein düsterer, grotesker Strom räthselhaften Spiels von Gelehrsamkeit und Phantasie. So hatte aber auch die Synagoge vollständig fcit Charakter angenommen, daß es gar nicht darauf al,komme, ob die Gebete dem Betenden verständlich seien oder nicht, wenn derselbe sie nur rezitirt. Allerdings wrch hierin das spanische Ritual vom deutschen und französischen bedeutend ab; seine Pertanim waren wirklich Dichter, die den Psalmen nachstrebten, deren Arbeiten Heils wohlklingende Hymnen, theils rührende, von wahrer Sehnsucht nach dem Göttlichen beseelte Gebete sind; daher sein Machsor nicht überladen und von geringem Umfang, dem deutschen gegenüber. Es läßt sich wol vorilussetzen, daß sehr bedeutende Autoritäten sich dem anschwellenden Strome der Piutim entgegenstellten, und diese ivegen ihrer Unverständlichkeit, überhaupt wegen der Unterbrechung der Tesilla arg geißelten, sie verlangten AbsteLlnng derselben; ich nenne nur: Aden Esra, Maimonides, Eharisi, Kimchi, Meir Halevi, Schemtod Palkira, David Ubudraham — aber vergebens, der Richtung der Zeit nach Verlängerung des Gottesdienstes, nach dem Absagen dunkler Gebete, denen mystische Kraft beigetegt ward, trat ihre sonst mächtige Autorität vergebens entgegen. Nachdem nun mit dennl4ten Jahrhundert ein Abschluß des Sidurs und Muchsors eingetreten war, folgten über vier Jahrhunderte völligen Stillstandes. Aber übersehen wir zuvor, was demnach in diesem Langen Zeitraum von ungefähr 300 iror bis 1300 nach der Zerstörung geschaffen worden war. 1) Aus dem anfänglich 3 oder 3*/2 ein einjähriger Zyklus der TorcrvorLesungen nebst einem Zyklus von Haphtora's. 2) Aus dem^M mit anfänglich drei kleinen Stücken und der in drei Jahrhunderten erst vervollständigten ein bedeutender, bis zurr 9ten Jahrhundert anwachsender Sidur. 3) Aus diesem immer noch verhaltnißmäßig mäßigen Sidur ein, Folianten umfassendes Machsor bis zum 14ten Jahrhundert. 4) Aus einer, in wemzen kurzen Formeln bestehenden gottesdienstlichen Liturgie, die sonst völlig freie Bewegung gestattete, ein bis irr's kleinste Detail als verpflichtend bestimmtes Ritual, das eine außerordentliche Lange des Gottesdienstes erforderte. 5) Aus der, von der Mischna ausgesprochenen, vom Talmud, Maimonides bis zum Schulchan Aruch wie:

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