Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1851)
- Date
- 1851-02-24
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
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106 schmsreundlich und barmherzig geworden, ehemals den Festlichkeiten und Vergnügungen ergeben, liebt ec jetzt die Einsamkeit und macht von seinen Reichthümern einen guten Gebrauch. Und diese Veränderung ist durch den Einfluß einer Jüdin hervorgebracht." „Was sagt Ihr, meine Muttert" fragte Kleiner erschreckt und wußte nicht, ob er diese Nachricht segnen oder verfluchen sollte. /,Ja, mein Sohn, seit einiger Zeit gehen im Schlosse geheimnißvolle und für mich unbegreifliche Dinge vor. Kaum hat es zehn Uhr auf der alten Schloßuhr geschlagen, so verläßt ein mit vier Pferden bespannter Wagen Werki, fahrt nach Wilna und bringt um zwölf Uhr eine verschleierte, schwarz gekleidete Frau hierher. Voc Tagesanbruch fahrt derselbe Wagen diese geheimnißvolle Person zurück. Jede Nacht, Stunde für Stunde, Mitternacht für Mitternacht, kannst Du von diesem Fenster aus den Wagen und die Dame kommen, heraus-, hineinsteigen und wieder abreisen sehen." „Und diese Frau?" „Lange Zeit wußte ich nicht, was ich von ihr halten sollte. Die Bedienten, ohne Zweifel auf Befehl des Herrn, sprachen niemals davon. Endlich folgten zwei unbekannte Personen dem Wagen und verbreiteten bei ihrer Rückkunft ein Gerücht, woran 'Anfangs Niemand glauben wollte, aber jetzt ist es gewiß, daß der Wagen nach Wilna geht, auf der grünen Brücke halt, und daß die verschleierte Frau heraussteigt und in das Haus des Rabbi Goldberg geht." „Was fehlt Dir, mein Sohn?" fragte die Milchverkauserin, indem sie die Bestürzung Kleiners bei dieser Nachricht bemerkte, der in diesem Augenblick seinen Verdacht bestätigt fand und bedauerte, daß die Bauern ihm nicht das Leben und mit dem Leben zugleich das Gedächtnis genommen batten. Der Graf, den er für ein übernatürliches Wesen hielt, war von nun an für ihn nur ein alter Wüstling, der durch einige wohlthätige Handlungen den Zorn des Himmels entwaffnen wollte. „Höret mich, meine Mutter," antwortete er nach einigen Augenblicken, „Ihr werdet meinen Schmerz begreifen und Mitleid mit mir haben. „Vor einem halben Jahre verließ ich Euer Haus, Euch, die ich wie meine Mutter ehrte, Eure Kinder, die mir so zugethan waren. Ich begab mich nach Wilna, mit dem lebhaftesten Verlangen, mich dem gelehrten Goldberg vorzustellen. Seine Frömmigkeit, seine Gelehrsamkeit, sein Ruf erregten meine Bewunderung. Ich wollte ihn sehen, ihm meine Ächtung bezeigen, ihn um Rath für meine Studien fragen, ihm die Resultate meiner wissenschaftlichen und religiösen Forschungen mittheilen. Ich komme bei seinem Hause an, gehe durch einen Korridor, ich klopfe an seine Thür: ein junges Mädchen von neunzehn Jahren oder vielmehr ein Engel erscheint meinen Augen. Ihre Haare so schwarz wie Ebenholz fielen auf die alabasternen Schultern herab; ihre Augen warfen wie zwei Brillanten einen lebhaften Glanz auf ihre bleiche und melancholische Gestalt; das liebliche Lächeln ihrer Lippen zeugte von einer himmlischen Güte. Ich wollte sie anreden, die Worte fehlten mir. „Sie bemerkte meine Verwirrung und kam meinen Wünschen zuvor. „Ohne Zweifel," sagte sie zu mir, „wollet Ihr meinen Vater sprechen, aber unglücklücklicher Weise liegt ec krank zu Bett. Der Arzt empfiehlt ihm die größte Ruhe, doch wenn Ihr mir sagen wollet, was Euch herführt, so werde ich Euch vielleicht seine Antwort bringen können, entweder heute Abend oder morgen früh." Ich erklärte ihr den wahren Grund meines Besuchs. /,Jhr könnet meinen Vater nicht sehen, aber richtet Eure Fragen schriftlich an ihn, ich werde sie ihm vorlegen." „Ich hütete mich wohl, die Gelegenheit zu versäumen, die sie mir bot, sie wiederzusehen; ich war so glücklich sie betrachten, mit ihr sprechen zu können! Fast täglich fragte ich um Belehrung über die heilige Schrift, fast täglich empfing ich eine Antwort. Noemie fügte zuweilen ihre eigenen Ansichten hinzu, die mir zeigten, daß die Bildung ihres Geistes ihrer Schönheit gteichkam. Sie empfing mich mit sichtbarem Vergnügen. Bald behandelte sie mich wie einen Bruder, ich verbrachte lange Stunden bei ihr. Sie war froh und heiter. Plötzlich verdüsterte eine Wolke ihre Stirn, eine Thräne entfiel ihren Augen, und sie verschwand unter einem nichtigen Vorwände. „Eines Tages erlaubte ich mir, gerührt von ihrer Freundlichkeit, verleitet durch ihre Liebenswürdigkeit, ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebte, wie glücklich ich sein würde, mein Schicksal mit dem ihrigen zu verknüpfen. Sie hörte mich mit Güte an, meine Liebe beleidigte sie nicht, im Gegentheil mein Geständniß rührte sie. „Mein Bruder," antwortete sie mir, indem sie den Kopf senkte, „vergiß mich, ich werde mich nie verheirathen." Vergebens suchte ich in Erfahrung zu bringen, weshalb ein junges und schönes Mädchen einen solchen Entschluß gefaßt habe, ich bemerkte Thranm in ihren Augen, eine