Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1851)
- Date
- 1851-02-10
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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78 beten Publikums in bedeutendem Maße zu Theil wird. Ein schönes Zeichen solcher Anerkennung ward einem in Rapperschwyl, Kanton St. Gallen, wohnenden aargauischen Israeliten. Nach einem mehrjährigen Aufenthalte wurde demselben von der durch Krämerinfluenz geleiteten Gemeindebehörde die Bewilligung zur Niederlassung entzogen. Allein das Volk in der Stadt und auf dem Lande demonstrirte gegen das Verfahren der Gemeindebehörde durch einen förmlichen Tumult und zwang diese, dem Israeliten auch ferner die Bewilligung zur Niederlassung zu crtheilen. Endingen hat seine alte schöne Synagoge cingerissen, und auf demselben Platze eine prachtvollere und großartigere gebaut in byzantinischem Style. Es zeigt sich allenthalben ein warmer Eifer, um zur Verherrlichung des neuen Tempels beizutragen. So dieser Eifer auch zur Verherrlichung des Gottesdienstes in geistiger Beziehung sich zeigen wird, so muß gewiß daraus für diese Gemeinde Heil erwachsen. Die schöne Fayade zieren schöne Steinhauerarbeit, die zehn Gebote auf der Zinne und eine Thurmuhr, zu welcher Letztem Alles planirt ist. In Betreff des Besuchs der luzerncr Märkte von Seite der aargauischen Israeliten ist im Schooße der eidgenössischen Zentralbehörde endlich doch zu Gunsten dieser entschieden worden. Die eifrigen Liberalen wollten die Frage bei der Wurzel angreifen und in der eigentlichen Emanzipationsfrage eintreten und gar bald wäre die Sache ganz radikaliter zu Gunsten der Israeliten ausgefallen, so nicht diplomatische Herren eingclenkt und ihren Antrag, Luzern „nach Sachlage und ohne Präjudiz" abzuweiscn, durchgesetzt hätten. — Die Folge dieses diplomatischen Beschlusses, wonach Luzerns Beschwerde gegen den Bundesrath darum abgcwiesen wurde, weil cs sich auf kein Gesetz stützen konnte, war, daß Luzern sofort ein Gesetz gegen die Juden krcirte und ihnen den Besuch der Märkte und die Niederlassung verwehrt. Schwerlich werden sich diese judenfeindlichen Tendenzen, die nur im Krämerneid ihren Grund und Boden finden, aus dem Terrän des eidsgenössischen Bundes erhalten können. Wenigstens haben wir es dem humanen Geiste der eidsgenössischen Behörden zu verdanken, daß mehrere Kantone eine tolerantere Behandlung den Israeliten gegenüber eingehalten. So ward cs z. B. den aargauischen Israeliten gestattet die Messe zu Chur zu besuchen, was bis anhin noch nie geschehen. Wie ansteckend di« Intoleranz ist, mögen Sie aus folgendem, vorige Woche in hier vom Nationalrathe notifizirten Beschlüsse entnehmen: Das freieste Land des Erdbodens, die vereinigten Staaten Amerikas haben mit der Eidsgenossenschaft einen Reziprozitätspakt abgeschlossen. Unter Anderm heißt es: Die Bürger Rordamcrika's sind in der Schweiz wie Bürger anderer Kantone, also wie Schweizer, angesehen. Dabei hat sich Nordamerika die Klausel gefallen lassen: die Bürger christlicher Konfessionen. Wir denken nicht im Entferntesten daran, daß diese Klausel auf nordamerikanischen Boden gewachsen sein könnte und wollen daher weder dem Kongreß in Washington noch dem nordamerikanischen Volke einen Vorwurf machen. Aber eben weil dort das Klima so beschaffen ist, daß die Intoleranz verkümmern muß, und solche Produkte mittelalterlicher Barbarei nicht gedeihen können, eben deswegen hoffen wir, daß diese Klausel dort zur Sprache gebracht und als eine schmachvolle, mit dem dortigen Geiste unverträgliche Bedingung ausgemerzt wird. In Bern wird immer noch am Ankäufe eines Lokals für eine Synagoge laborirt. Wenn nicht böser Wille und Querköpfigkeit den Plan verhindern, so wird er sicherlich ausgeführt. Es bedarf aber der ganzen Energie des Herrn Bloch und dessen guten Willen für's Judenthum und seine Gemeinde, um nicht zu ermüden. Von Genf ist Herr Musikdirektor Bloch weggezogen nach Paris. Ein großer Verlust für die Kunst und die Juden Genfs. Dem würdigen Herrn Nordmann, Rabbiner in Hegenheim, wird allgemein Dank gezollt für seine Anordnung und Predigt bei Einweihung der Synagoge in Basel. Schade, daß dieser Mann, verschon in so mancher Beziehung für Juden wohlthatig wirkte und auch in der Schweiz, nicht als Zentralrabbi der zerstreuten Juden in der Schweiz angestellt wird, um aus deren zersplitterten Kräften ein organisches Ganze zu bilden. Eine solche Maßregel würde ohne Zweifel der moralischen und bürgerlichen Entwicklung der israelitischen Jugend in der Schweiz eine Wohlthat sein. Herr Nordmann wäre um so mehr hiezu geeignet, als er der deutschen und französischen Sprache gleich mächtig ist und der weit größte Theil der in den Kantonen Bern, Waad, Genf, Neuenburg und Solothurn wohnenden Juden aus dem Elsaß sind und Nordmanns Verdienste zu schätzen wissen.