Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1851)
- Date
- 1851-01-06
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225714-3225717--11489-3241596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15 i i i l V 4 Köln, im Dezember. (Privatmitth.) Bekanntlich giebt es nichts so Absurdes und Sonderbares, was nicht in unsrer Zeit zu Tage gebracht, und namentlich in der Tagespreise ausgekramt wird. Bisweilen kann man es übersehen, weil das Eintagsleben einer Abgeschmacktheit ruhig zu Ende abgewartet werden kann; bisweilen muß man darauf eingehen, weil in dem Unscheinbaren ein Gifttropfen vorhanden ist, der weiter zu fressen vermag. Eine Erscheinung, auf die wir in unsrer Zeit nicht genug aufmerksam sein können, ist der oft und an verschiedenen Orten sich erneuende Versuch, den alten Judenhaß in einer dritten Auflage wieder in's Leben zu rufen, und im Herzen des Volkes wieder zu erfrischen. Während das Mittelalter den Juden aus religiösem Fanatismus verfolgte, die neuere Zeit ihn politisch in der Ausschließung zu erhalten suchte, nachdem der religiöse Zelotismus nicht mehr fort konnte, und man jenen daher für politisch unreif ausschrie, will man jetzt, da die politische Gleichstellung nicht mehr verweigert werden kann, eine soziale Kluft zwischen dem Juden und dem Volke öffnen und erweitern, um ihn da als vom Volke getrennt, als ein besonderes Korps, als dem sozialen Fortschritt entgegenstehend hinzustellen und dem Volke verhaßt zu machen. Da dies nun in dem Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Meister und Gesellen, Fabrikant und Fabrikarbeiter, nicht geht, indem nur wenige Juden im Allgemeinen zu diesen Arbeitgebern gehören, so macht man cs anderweitig geltend. An der Seine wirft man alle Juden in die Klasse der Agioteure, der Papierhändler, der Bankiers — an der Spree laßt man die Juden als alleinige Magazininhaber dem Haß verfallen, trotzdem nicht wenige Christen zu beiden Klassen gehören, und die große Masse der Juden mit beiden Geschäftszweigen Nichts zu thun hat. Es begegnen sich darin die edlen Kreuzritter der Spree mit den wilden Sozialisten der Seine, und reichen sich die Hände in der Wuth gegen — die Juden. ES fehlten also nur noch die — Gothaer, und siehe, hier in Köln gesellen sich auch diese urkräftigen Helden dazu — tres faciunt collegium! — Die Köln. Ztg. bringt seit einiger Zeit „Oekonomische Skizzen aus England". In deren No. IX „London, den 19. Dezember" überschrieben, werden — risum teneatis — die Juden' dadurch, daß sie im Mittelalter auf den Zrödelhandel beschränkt waren, als die Urheber dir unbedingten Gewerbefreiheit ausgeschrieen, indr m die Befähigung, wohlfeile alte Kleider zu verkaufen, endlich die Handwerkerrechte untergrub und di« Gewerbefreiheit herbeiführte. Freilich widerspricht dtm die Geschichte, daß die Aufhebung aller Handn««kerrechte und die unbedingte Gewerbefreiheit in Frankreich durch die erste Nationalversammlung in jener denkwürdigen Augustnacht 1790 geschah, wo überhaupt tabula rasa mit allen besonderen Rechten gr macht ward, in Frankreich, wo damals auf 27 Millionen Christen kaum 59,900 Juden kamen und in Hams kaum )00 Juden wohnten; freilich widerspricht dem die Gegenwart, wo gerade in den Ländern der J«de noch heute fast auf Trödelhandel beschrankt ist, n« die starrsten Zunftgesetze noch gelten, während nach der Entdeckung des Verfassers der ökonomischen Skizze» in' diesen Ländern der Trödelhandel am Ersten t>it Zunftgesetze über den Haufen gestoßen haben müßte — allein das möchte dem Herrn kaum Etwas verschlagen. . .. Man wird fragen: und was verschlüge es denn, w«rin es sich wirklich so verhielte? Im Sinne Vieler n>«! kaum. Allein man weiß, daß jetzt von vielen «»deren Seilen die unbedingte Gewerbefreiheit als sege«sreicher nationalökonomischer Grundsatz stark bezweifelt wird, insonders die große Masse des Handwerkerstandes in jener seinen Ruin erklickt, und, wenn die Kreuzritter den Haß der Handwerker gegen die Jiirden als Magiziniers zu schüren suchen, so fehlt unter Nichts, als daß man ihnen auch sagt: die Juden sind die Urheber der unbedingten Gewerbefreiheit, um den Haß in Wuth zu verwandeln. Hören wir den ökonomischen Skizzisten in seinen nicht uninteressanten Details, und begleiten ihn mit Anmerkungen, um nicht hinterdrein seine Aussprüche noch einmal wiederholen zu müssen. „Wir wählen zuerst den Weg nach Osten, der ums vorzugsweise mit den alleruntersten Schichten städtischer Bevölkerung in England zusammenbringen wird, und schreiten rasch durch die schwerwiegenden Lätystraßen Kornhill und Leadenhallstreet. Schon wo die letztere Straße sich mit der zweiten von der Bank kommenden Linie durch Lombardstreet und Fenchurchstreet wieder vereinigt und in Aldgate Highstreet übergeht, fängt der eigentliche Citycharakter, der großhändlistsche, an, sich zu verlieren. Vielleicht spricht sich