Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1851)
- Date
- 1851-01-06
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 unterworfen, wie vor einem Jahre. Das Leben in unserer Glaubensgenossenschaft giebt zwar einige Symptome des Erwachens, aber noch sind diese nicht entschieden genug, um großen Hoffnungen zu bestimmten Anknüpfungspunkten zu dienen. . .. Aber, wenn in der heiligen Schrift auf die Hoffnungslosigkeit des Augenblicks hingewiesen wird, dann zeigt sie jedesmal auf die tnTTin mins hin, daß wir einen langem Zeitraum überschauen müßten, um die Wege der Vorsehung erschauen zu können. Die Veranlassung liegt auch uns diesmal nahe. Mit dem Jahre 1851 hebt die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts an. Wie nahe liegt da der Blick auf das zurückgelegte halbe Jahrhundert! Und dieser Blick über dieses halbe Jahrhundert, wie Vieles befaßt er! Welche Veränderungen! Welche Umwandlung! Im Jahre 1800, wo in ganz Deutschland noch der Leibzoll den Juden an den Thoren der Städte erzittern ließ, wo er noch fast überall in gesonderten Vierteln wohnte, wo noch kein bürgerliches Verhältniß, noch kein Gewerbe, keine Kunst sich ihm eröffnet hatte, wo das Wort „bürgerliche Gleichstellung" kaum zwei, drei Male erst in Deutschland öffentlich genannt worden, wo eine weite Kluft tiefster Verachtung, schmählichsten Hohnes, der tausendfältig die eherne Rüstung des Staatsgesetzes angethan hatte, den Juden noch von der ganzen übrigen Welt 'schied, wo selbst da, wo aus revolutionärem Antriebe heraus die Gleichstellung bereits plötzlich vollzogen worden, in Frankreich und Holland, die Verwirklichung erst in unscheinbaren Anfängen erschien —- und jetzt? Und wie außen, so innen. Ich will hier nicht ein Loblied auf den weiten Kulturweg anstimmen, den die Juden zurückgelegt haben. Was allerdings schon damals in einer nicht unbedeutenden Zahl Geister vollbracht war, das hat seitdem einen Ungeheuern Theil der Masse durchdrungen, und ganz zurückgeblieben ist kein Theil. Und so auch auf dem Gebiete des Kultus selbst, wo in immer bestimmter erwachsender Gestalt die Gottesverehrung diejenige Form annimmt, welche dem veränderten Geiste in den Bekennern unsers Glaubens, der unveränderlichen Lehre Juda's, anpaßt.... Und da sollten wir noch zagen, wenn die kurze Spanne eines Jahres uns keine erfreuliche Resultate brachte? Da sollten wir irgend zweifeln, daß unsre gute Sache nicht überall zu ihrem guten Rechte kommen werde? Da sollten wir fürchten, daß die großen Resultate eines an Inhalt so riesigen halben Jahrhunderts auf — Nichts hinausliefen? Nimmermehr.... Streben wir unermüdet weiter, daß die zweite Hälfte des Jahrhunderts der ersten würdig sich anschließe zu einem leuchtenden, werthvollen Reife auf dem Haupte der unsterblichen Tochter Zions! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 27. Dezember. Bei der Mobilmachung der Armee wurden hier auch eine Anzahl Aerzle und Kandidaten der Medizin jüdischen Glaubens als Unterärzte eingestellt. Mehrere erklärten, den Fahneneid nicht nach der für Juden vorgeschricbenen Form, unter Assistenz der Synagogalbeamten ableisten, sondern sich der allgemeinen Beeidigungsform bedienen zu wollen. Nach vorheriger Rückfrage bei den Vorgesetzten Behörden wurde denselben dies dahin gestattet, daß sie die allgemeine für Christen festgesetzte Eidesnorm ableisteten, und nur die Schlußformel: „So wahr mir Gott helfe!" ohne weitern Zusatz aussprachen, zugleich aber auch protokollarisch erklärten, daß sie sich auch durch diese Form des eidlichen Gelöbnisses für eidlich verpflichtet erachteten. Vom Niederrhein, im Dezember. (Privatmitth.) Auf Anregung des Oberrabbiners Herrn Bodenheimer ist in Krefeld ein Verein zur Unterstützung armer Kinder, die das Lehrfach oder ein Handwerk erlernen wollen, gegründet worden. Die Beiträge sind sehr gering, so daß Arm und Reich Mitglied des Vereins werden kann. Aber nicht allein die gute Sache in pekuniärer Hinsicht hat der Begründer im Auge gehabt, sondern der Verein sollte auch zu gleicher Zeit zur wissenschaftlichen Belehrung dienen. Jeden Samstag, wenn in der Synagoge keine Predigt ist, hält der Oberrabbiner in seiner Behausung in einem dazu eingerichteten Lokale einen religionsphilosophischcn Vortrag als Erklärung des Buches Kosri, beleuchtet es mit neuen Ideen und macht es den Zuhörern so viel möglich verständlich. — Dieser Vortrag befriedigt Orthodoxe wie Neologen, die aufgeklärtesten Männer, die vielleicht gar nicht an den Sabbat denken, besuchen denselben und finden hier Erbauung und Befriedigung. A.