Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 15 (1851)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1851)
- Date
- 1851-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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s begännen und eine Annäherung derselben ang«strebt zu werden scheine: so mögen Sie wol für zahllose kleine und mittlere Gemeinden Recht haben. I« diesen liegt die Nothwendigkeit auch äußerlich vor, sich zusammenzuhalten, da kein abgesonderter Theil die Kräfte hätte, sich für sich zu erhalten. Anders ist es aber in größeren Gemeinden. Orthodoxie und Reform stehen sich da in vielen so schroff gegenübi», daß auf Jahrzehende an eine Vereinigung nicht zu denken ist. So wie wir früher mehrere Beispiele hatten daß sich Reformgemeinden von der alten Gemeinde trennen und besondere Gemeinden bilden wollte», so, nachdem an anderen Orten die Anhänger der Reform die Mehrzahl bilden, kommt cs jetzt vor, daß die Orthodoxen eine Gemeinde für sich bilden wollen, nachdem die Hauptgemeinde reformistisch ist. So wie dies bereits in Frankfurt am Main geschehen, faktisch seit Jahren in Breslau der Fall ist, umgekehrt in Berlin, so jetzt an mehreren Orten des Großherzogthums Posen. Die formelle Frage ist dabei leicht, denn schon das Gesetz von 1847 ermöglichte solche Trennung, die, jetzige Verfassung stellt sie völlig frei. Aber ein Anderes ist es mit der materiellen Frage. Da wo die Gemeinde Eigenthum hat, wem gehört dies? hat die eine Gemeinde der andern Etwas abzugeben? und wie viel? Die Wohlthätigkeitsaustalten, wem gehören sie? welcher Antheil gebührt der einen und der andern Seite? Wie sollen dicsi erhalten werden? Dies sind Fragen, welche die Kcgenseitige Erbitterung nur um so schwieriger zu entscheiden macht. Man ist gespannt, wie der neue Kultusminister, Herr v. Raumer, diese Frage auffafsen werde. Nach seinen Antezedentien zu urtheilen würde derselbe mehr auf Gunsten der Orthodoxen sein, wie man denn überhaupt in höheren Regionen die Reform mit dem politischen Radikalismus unter den Juden für einerlei halt. Berliner Persönlichkeiten nie Rebenstcin, Dr. Stern u. A. bestärkten darin. Da ß man sich darin irrt, daß es auch politisch sehr Konsivvative unter den Juden giebt, welche in religiöser Beziehung der Reform anhangen, oder doch für ihre Person nichts weniger als orthodox sind, wird man daselbst so> leicht nicht annehmen. Kurz, wir stehen auch hier «an der Schwelle einer Entscheidung, die noch Monate, aber nicht Jahre währen kann. Fragen Sie mich nach meiner persönlichen Meinung über diese Spaltung einer größer» Gemeinde in zwei, so will ich sie zwar nur als persönliche, aber offen geben. So wie die Sache einmal liegt, so ist solche Spaltung, wo einmal der Bruch für die Gegenwart nicht zu heilen, wo er sich vielleicht schon in bestimmten Persönlichkeiten ausgeprägt hat, nach meiner Meinung nur vortheilhaft. Der schwebende Streit, der dauernde Kampf vernichtet, oder untergräbt doch Alles. Es ist doch nur eitel Schein von Leben, der durch solche Kämpfe hcrvorgebracht wird, es kann unter ihrer Wucht Nichts gedeihen, sondern Alles zerfällt. Sind einmal die Gemeinden getrennt, so sind Beide darauf angewiesen zu schaffen, Anstalten hervorzurufen; ja es kann ein Wetteifer zwischen sie kommen, daß sie alles Mögliche thun, um einander zu übertrcffen. Ich halte diese Trennung doch nur für eine Durchgangsperiode, die früher oder später, sei es auch nach Jahrzehenden, zu Ende geht, und welche weicht, wenn beide Theile ihr Unhaltbares abgestreift haben. Um so mehr kann man aber diejenigen Gemeinden, in denen solcher Bruch noch nicht unheilhar geworden, ermahnen, solcher Spaltung möglichst vorzubeugen. Sie können es leicht durch — eine gesunde Gemeindeverfassung, vermittelst welcher ein einseitiges Verfahren vermieden, und ein allmäliges Vorwärts mit der Gesammtheit ermöglicht wird. —. Die Berl. Bl. enthalten Folgendes: Eine eigenthümliche Erscheinung in unserer Stadt sind die jüdischen Schulknaben, die hier nicht selten auf Kosten der Kommune ihre ganze Karriere verfolgen. Sie kommen im jugendlichen Alter von 12 bis 14 Jahren aus den westlichen, mehr noch aus den östlichen Provinzen zu uns, oft nur mit einigen Groschen in der Tasche, die sie von ihren Eltern als letztes Viatikum erhalten haben, um auf eigene Faust ihr Glück zu versuchen. Mit der selbstständigen Betriebsamkeit ihres Stammes ist es, sobald sie Hierselbst irgendwo ein Unterkommen gefunden haben, ihr nächstes Augenmerk, sich Freischule und Freitisch zu verschaffen. Ersteres gelingt bei der Kommune, Letzteres bei Glaubensgenossen. So bringen sie sich durch die Schuljahre, verdienen späterhin durch Stundengeben einiges Taschengeld und gelangen dadurch zur Universität. Diese beziehen sie mit derselben leichten Börse, aber Stipendien helfen ihnen auch hier bald weiter und nebenbei verschaffen sie sich als Nachhilfslehrer in Familien eine Existenz. Die Listen der hie-