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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-12-23 · Heft 52 (23.12.1850) · p. Seite 716

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 52 (23.12.1850)
Date
1850-12-23
Page
Seite 716 (sequence 8)
Language
German
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716 einigen Wochen wiedergefunden werden, so wohnt wirklich nur die Freude und die Hoffnung auf Genuß im Herzen. Zch habe meine Sachen zu den Ferien nach Hause gesandt; eben dahin habe ich die Ersparniffe meines englisch - französisch - lateinisch-hebraisch-chaldäifch-deutschen Unterrichts des gesegneten Engländers gerichtet; wenige Thaler klingen in der Tasche zur Reise.... Ermüdet vom Laufen und Besorgen des Tages schlafe ich ein. Aber ich habe auf die Tafeln meines Geistes die Uhr 4 tief eingegraben. Um 3 Uhr wache ich auf. Man streckt sich behaglich noch einmal. Dann schnell aus dem Bett. Kaffee bereitet. Den Tornister auf den Rücken. Leise, um die Hausgenossen nicht zu stören, die Treppen hinunter. Die Hausthüre aufgeschlossen. Niemand ist da, dem ein Lebewohl gelte. Hinaus getreten. Dunkel und Nebel liegen noch auf den Straßen, die ich langsam durchschreite. Ich gelange an's Thor. Draußen weht ein frischer Windzug, der Himmel ist schon hell, im Osten schießen Strahlen, rosige Strahlen auf. Wird der Tag schön werden? das Wetter günstig?... Ich wandre die Straße eine Weile fort, die zu einer Höhe führt. Droben angelangt, halte ich Umschau — siehe, der Morgen ist prächtig erstanden. Alles ist licht, glanzend feucht; über der Stadt schlüpft eben die Sonne aus ihrer feurigen Hülle und gießt helles Licht über die weiten Häuserreihen. Da liegt sie, die alte, berühmte, reiche Stadt, reich durch die außerordentliche Zahl großer Geister, die sie seit Jahrhunderten herbergte, berühmt durch die noch viel größere Zahl von Jüngern, die hier ihren Geist entwickelt und gebildet und den Grundstein gelegt zu einem Leben voll bedeutsamen Ringens und Schaffens. Welche Frage kann da meine Brust erfüllen, als die: gehörest du auch zu diesen Letzteren? hast du die fünf Monde, die du in ihr verlebt, genügend vollbracht? hast du so begonnen, daß du hoffen kannst, würdig zu enden? Ach, mein Gott, man sagt gewöhnlich, die Jugend ist die Zeit frohen, freudigen, stolzen Höffens. Ich fühle das kaum. Liegt es daran, daß meine Kindheit, meine Jugend zu oft Entsagung, Entbehrung, Täuschung, Angst und Sorge zu tragen gehabt — aber in mir drangt sich viel öfter Zagen und Zweifeln hervor. Nur zween Stützen habe ich, und die versagen mir nie den Dienst — das Bewußtsein redlichen Strebens und unerschütterliches Gottvertrauen. Wie? und wenn dir nur eine kleine Hütte und ein beschränkter Lebensacker, überall mit Hürden und Zäunen umgeben, beschieden wäre, was thäte dies? Nur nicht, wie Schiller sagt, mit stolzen, blähenden Segeln den Hafen verlassen, und mit zerbrochnem Steuer zu ihm zurückgekehrt. Was ist der Werth des Lebens, wenn nicht, rüstig gewirkt zu haben und in Gerechtigkeit, was Einem gegeben war, und für seinen Geist und sein Herz zum Besten und Edelsten unverdrossen gestrebt zu haben? Aber keine Zeit darf versäumt worden sein, am Wenigsten die Jugend. Ach, und welch Glück ein Ideal in seiner Brust zu tragen; nicht ein Ideal von Macht, Ehre, Reichthum; sondern von Verdiensten um eine mißachtete, aber edelste Sache. Das Judenthum ist das Kleinod der Menschheit, das, trotz des Staubes, den man darauf wirft, immer leuchtet, und immer wieder. Welche Reihe von Geistern haben den Schweiß ihres Geistes schon daran gesetzt, es immer wieder zu reinigen und leuchten zu lassen. Diesen sich anzuschließen, und für den Enkel mitzuzählen unter ihnen, welch ein würdiges Ziel! Und da ich Solches vor mir habe, sollte ich zweifeln? Ja, kaum wird es der Ehre und der Fülle ein kleines Maaß bringen, aber desto mehr Lohn in sich. Darum frisch und frei ... wie der Sonnenstrahl, der die Wolke durchbricht, wie der Vogel, der in die feuchte Morgenluft aufsteigt. Rüstig von dannen.... Mein Weg ging durch weite, reiche Ebenen, überall mit Städten, Dörfern, Weilern, Menschenstätten besetzt in die ersten Bergceihen eines stattlichen Gebirges hinein, das sich dahinter erhebt und aufthürmt. Jn's Gebirge hinauf zu steigen fehlt mir Zeit und Lust. Dahin möchte ich nur, wenn ich Monde vor mir hatte, um den Riesengeist, der im Gebirge wohnt, ganz begreifen und mir völlig zu eigen machen zu können. Die Ebenen und die Hügel verstehe ich schon beim einfachen Durchwandern. Wie gut ist es, wenn man sich bescheiden kann, und am Mäßigen sich zu vergnügen versteht. . . . Am zweiten Tage meiner Reise begegne ich einem jungen Manne, der sich mir bald alsein jüdischer Lehrer einer nahen kleinen Stadt zu erkennen giebt. Er hat nach einer großem Stadt wandern müssen, um sich beim Rabbiner wieder einmal als Schächter prüfen und auf ein Jahr approbiren zu lassen. Wir waren einige Stunden Gefährten. „Sind Sie denn nur in den Vorschriften des Schachtens geprüft worden?" frug ich. — Worin denn sonst?" — „Ich denke, Sie sind auch und ganz besonders Religionslehrer?" — „Sie meinen demnach, daß mich der Herr Rabbiner auch in den eigentlichen Lehren der Religion und deren Geschichte und Literatur, in Methodik und Pädagogik hätte prüfen sollen?" —

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