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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-12-23 · Heft 52 (23.12.1850) · p. Seite 717

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 52 (23.12.1850)
Date
1850-12-23
Page
Seite 717 (sequence 9)
Language
German
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717 „Nun ja." —„Ach, das sind Nebendinge für ihn, wenn er sie überhaupt nicht für schädlich hält." —„Oder doch mindestens im Hebräischen?" — „Auch das nicht, denn das setzt er voraus." — „Und ihre Gemeinde?" — „Nun ja, Einige allerdings sehen es gern, die Mehrzahl verlangt nur, daß die Kinder geläufig hebräisch lesen und jüdisch-deutsch schreiben lernen — dann sind sie zufrieden. Was ich für den höhern Religionsunterricht thun will, das muß ich ganz von selbst thun, und dafür sorgen, daß es jenen beiden Gegenständen keinen Abbruch thue." — „Was halten Sie denn aber von der Zukunft?" — „Das will ich Ihnen offen sagen: ich fürchte, die Zukunft wird die Mehrzahl der Juden in's gerade Gegentheil führen, und sie gegen Alles, was spezifisch dem Judenthum angehört, völlig gleichgiltig machen." — „So glauben Sie, daß Gefahr für das Judenthum vorhanden sei?" — „Aeußerlich durchaus nicht; dafür hat es als ein Bestehendes zu viel Kraft und Wucht, und die Feindseligkeit, welcher die Juden immer begegnen werden, und mögen die Zeiten sich noch so sehr umgestalten, wird stets das Ihrige thun. Aber innerlich allerdings. Ich fürchte, daß das Judenthum, so wie es für die Mehrzahl bestehen wird, zu seicht und oberflächlich werde, als daß es den innersten Kern des Geistes zu fesseln und zu durchdringen vermöchte." — „Was halten Sie denn aber da für das Heilmittel?" — „Die Frage ist schwer zu beantworten; ich glaube, es ist Nichts weiter zu thun, als was ich mit meinen schwachen Kräften zu thun versuche in meinem kleinen Wirkungskreise. Zunächst daß die Lehrer selbst, niedere und höhere, die Sucht, alles Spezifisch-Jüdische lächerlich zu finden und zu machen, weil es in den letzten Jahrhunderten abgeschmackte Formen angenommen, fahren lassen und überhaupt für ihren Gegenstand begeistert sein und begeisternd wirken müssen. Mag die Mehrzahl es anerkennen oder nicht, der Lehrer muß streben, Achtung, Liebe, Geist in seinen Schülern zu wecken für die Religion, der sie angehören; er muß ihnen deren Formen als mit geistigem Inhalt versehen darstellen, daß sie mindestens in allen einen Gedanken, eine Bedeutung finden, und den Inhalt der Religion als den erhabensten und lautersten erweisen; bei jedem Schritte müssen die Zöglinge erfahren, daß sie Kinder der Mutter aller Religion sind, der Trägerin der religiösen Idee, die nicht verlassen werden darf, ohne daß man alle Religion verlaßt."— „Sie werden aber dann Opposition finden in der großen Zahl derer, welche alle Menschen in der Religion gleich machen wollen." — „Sicher, aber diese sind auch die gefährlichsten Feinde des Judenthums.^ — „Halten Sie denn aber dies nicht für das Ziel der Menschheit?" — „Allerdings und von ganzer Seele. Ich glaube aber, daß wir diesem Ziele nur erst um we- Alge Schritte mehr, als die Propheten, die es als Ziel der Menschheit verkündeten, naher gerückt sind. Und nun frage ich Sie, wie nennt man den, welcher Einem weis macht, er sei am Ziele und könne ausruhen, während er noch weit, weit davon entfernt ist?" — „Wenn er aber aufrichtig es so meint?" — „So würde ich ihm beweisen, daß er sehr, sehr irrt. Sehen Sie, weil in einem Theile Europa's einige hellere religiöse Ansichten vorhanden sind, bilden sich die Leute ein, es ist das Reich allgemeiner Gotteserkenntniß angebrochen. Wie aber? ist nicht bei Weitem die ungeheure Mehrzahl in allen europäischen Landern selbst noch von Lehren und Glauben erfüllt, die unsrer Lehre entgegenstehen? Droht nicht von der andern Seite die Gottesleugnung, der Materialismus und Atheismus, immer von Neuem seine Herrschaft wieder auszubreiten? Und sehen Sie doch naher zu, welches die Grundlage der Ueberzeugung dieser Paar Aufgeklärten ist? Wie unsicher, wie schwankend, wie individuell! Nein, darauf kann Israel nicht eingehen, oder es würde seiner Bestimmung, seinem ganzen Wesen untreu werden! Nein, noch ist der Boden nicht vorhanden, auf welchem Israel sich selbst aufgeben könnte — im Gegentheil, ich glaube, jetzt ist erst die rechte Zeit des Beharrens, der Ausdauer, der Festigkeit gekommen, des innern Kampfes, wie die Vergangenheit mehr die Zeit des äußern Kampfes gewesen. Früher widerstand Jsraet der Abstoßungskraft der Welt, jetzt muß es der Anziehungskraft widerstehen. Hierzu müssen die Lehrer, ich verstehe darunter alle, jeden Grades, in Israel wirken, vorbereiten, ausrüsten." — Ich fühlte mich in den Gesprächen mit diesem jungen, begeisterten Manne sehr glücklich, gehoben, gestärkt. Ich trennte mich daher nicht von ihm so bald, sondern begleitete ihn nach seinem Wohnorte. Er schien es nicht allzugern zu sehen, daß ich bei ihm eintrete. Aber ich ließ mich nicht abhalten. Ich hatte ihn in seinem Feier- Eleide gesehen, ich wollte auch sein Alltagsgewand gewahren. Ec hatte sich dessen wahrlich! nicht zu schämen. Die kahlen, weißen Wände seines kleinen Zimmers, das ärmliche Mobiliar — sie gaben für seine Begeisterung erst das rechte Zeugniß ab.... Ich bewunderte ihn jetzt.... Nun, ich will hier keine Reisebeschreibung geben, keine

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