Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1850)
- Date
- 1850-12-16
- Page
- Seite 696 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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696 Es bildet jedoch diese Frage eine sehr untergeordnete gegenüber den tiefer gehenden Fragen, welche die bevorstehende Revision des Religionsedikts bringen wird, und denen die sogenannten Laien mehr Aufmerksamkeit widmen sollten, als leider geschieht. Eine der letzten Nummern dieser Blätter *) liefert uns bereits ein Pröbchen, wessen wir uns zu versehen haben. In unsrer Zeit, in der man „Freiheit der Kirche" in die Fratze „Pfaffenherrschaft" umzuwandeln bestrebt ist, kann es nicht fehlen, daß auch unseren Rabbinen eine weit größere Machtvollkommenheit, vielleicht eine völlige Gleichheit mit der christlichen Kirche in inneren Angelegenheiten eingeräumt werden wird. Dazu sind wir nicht bürgerlich emanzipirt und sind überhaupt die Prinzipien nicht zur Anwendung gekommen, durch welche die begehrte Selbstständigkeit der Kirche bedingt ist. Die daraus erwachsenden Folgen für unser Kirchen-, Schul- und Familienleben liegen zu Tage. Nun ist zwar die Mehrheit unserer jetzt lebenden Rabbiner einem geistlichen Herrscherregiment, einem Terrorisiren der Gewissen, dem Rückschritt im Schulwesen rc. gewiß abhold, aber es giebt auch deren, welche gar gern zu Gewissen belästigenden, den Unfrieden mehrenden, das Schisma beschleunigenden Kirchenstrafen, ja zum Bann greifen würden, und die vielleicht jene Gewalteinräumung nur abwarten, um zur angeblichen Ehre Gottes eifern zu können. Und gesetzt, cs geschehe jetzt nicht, wer steht uns für die Zukunft? Hat es nicht den Anschein, daß sich der Rabbinerstand in der Folge weit mehr aus der hyperorthodoxen, wie aus der reformfreundlichen Partei rekrutiren wird? — Darum aufgeschaut, ihr Herren, ehe es „zu spät" ist! Bei dieser Gelegenheit möchten wir alle die, welchen eine Stellung zu gemeinsamen Wirken vergönnt ist, aufgefordert haben, bei Zeiten zur Erlangung unsers guten Rechts auf Emanzipation Schritte zu thun. Es muß, wenn der Kriegslärm verschollen sein wird, ein wahrer Petitionssturm bei der Staatsregierung wie bei den Kammern, und wäre er auch erfolglos, organisirt werden. Schon sagen unsere Gegner: die Verwerfung der Emanzipation habe nirgends unsererseits Protestation oder Klage hervorgerufen. Freilich würden dieselbigen Herren uns Revolutionäre rc. schelten, wenn wir protestirt und räsonnirt hätten; aber schweigen, die Hände in den Schooß legen, das dürfen wir nimmer. Nur wer sich selber aufgiebt, der ist verloren! Oder wollen wir warten, bis die deutsche Frage durch die „freien Konferenzen" gelöst und eine Phrase, wie weiland in die deutsche Bundesakte, für uns niedergelegt sein wird? K. Oesterreichischer Kaiserstaat. Prag, 1. Dezember. Gestern wurde in der Aula das fünfzigjährige Jubiläum des k. k. Rathes Nell. vr. Jsak Jeitteles gefeiert. Der medizinische Lehrkörper, das Doktorenkollegium und mehrere Notabilitäten wohnten demselben bei. Der Dekan des Doktorenkollegiums, vr. Halla, hielt eine feierliche Anrede anden Jubilar, und drückte ihm die Glückwünsche der Fakultät aus. Die Rede wurde von vr. Jeitteles erwidert. Preßburg, 4. Dezember. Vorgestern wurde hier die Eröffnung der städtischen Realschule in den Kirchen sämmtlicher Konfessionen in würdiger Weise gefeiert. In der großen Synagoge der Israeliten war die feierliche Segensprechung über die zu eröffnende Realschule, eben ihrer Einfachheit wegen, angemessen und würdig. Nach vorangegangenem Gebete ließ der Oberrabbiner die eingeschriebenen Schüler der Realschule vor sich treten, richtete an sie einige eindringliche Worte über Eintracht, Verträglichkeit und Brüderlichkeit mit den Schülern anderer Konfessionen, ermahnte sie, den heiligen Geboten der Religion und Nächstenliebe stets treu anzuhängen, und sprach dann den Segen über sie und die Anstalt. Frankreich. Paris, im Dezember. Die Zustände und Vorgänge in Frankreich in der Entwickelung der religiösen Verhältniffe müssen wol unsre Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich ziehen. Denn, bis jetzt am Weitesten in Europa vorgegangen, kann es nicht anders als bedeutsam sein, wenn auch hier ein andrer Geist sich geltend zu machen scheint. Es werden daher einige Auszüge aus den beiden französischen Journalen unseres Glaubens, ves4red. isr. de Fr. und L’Univ. isr. hier an ihrem Platze sein. Im Elstern heißt es: „Die Folgen des neuen Gesetzes über den Unterr *) No. 47 der Artikel aus Baiern.