Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1850)
- Date
- 1850-12-09
- Page
- Seite 683 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225660-3225711--11428-3241538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
688 von äußerster Wichtigkeit sind, so namentlich das Kult- und Unterrichtsgesetz. DerEntwms des Unterrichtsgesetzes ist seiner Vollendung nahe, hwßtes in der Thronrede; nur der Umfang macht es unmöglich, denselben schon bei der Eröffnung der Kammern vorzulegen. „So viel ich bis heute davon erfahren konnte," schrieb mir neulich ein auch um das Schulwesen verdienter Mann (Herr Oberrabbiner Bodenheim er), „wird er für unsere Schulen nichts Rachtheiliges, aber auch nichts Vortheilhaftes bringt« (!). Es hat übrigens im Ministerium schon eine Umarbeitung erlitten, und ganz wahrscheinlich in Mitte der Kammern noch einmal!" Und aber weil dem so ist, und weil man bei der Berathung dieses Gesetzes nur die Organe der anderen Konfessionen, von Seiten der Juden aber — inkonsiqnenter Weise — Niemand befragt hat, so ist ts die heiligste Pflicht, an geeignetem Orte geltend zu machen und zu fordern, was uns verfassrngsmäßig zusteht. Ist das Gesetz erst endgiltig abgeschlossen und sanktionirt, dann ist's zu spät. Ebenso ist mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln, darauf hinzuwirken, daß bei der Erörterung der Bestimmungen über die Kulte auch auf die Rechte der israelitischen Preußen Rücksicht genommen wurde, damit es eine Wahrheit werde, wLs die Verfassung verheißt uud was der König neuerdings im „weißen Saale" gesagt: „Meine Regierung wird es sich angelegen sein lassen, die ihr hierin gestellte Aufgabe in gebührender Berücksichtigung aller berechtigten Interessen möglichst bakd zu lösen." Ich will hier nicht weitläufig aus die Mängel und Wirren der jüdischen Zustände Hinweisen; es ist dies schon oft genug geschehen; aber Eines will ich bemerken. Man hat in jüngster Zeit von einigen Seiten den Rabbinen und ihrer Unthatigkstt den Verfall der jüdischen Institute zugeschrieben, aber mit Unrecht. Wer die prekäre Stellung der jüdischen Geistlichen kennt und die verschiedenen Anforderungen der aus den heterogensten Elementen zusammengr setzten Gemeinden, der wird das nicht sagen. Nein, die Gemeinden, von denen doch die meisten keine Rabbinen haben, dieGemeinden sind anzuklagen! Euch vor Allein, ihr großen Gemeinden in Israel, d-ie ihr Alles gehen lasset, wie es geht, und mit Gleichgiltigkeit auf den Verfall und die Zerwürfnisse in Israel blicket, euch klage ich an! Ihr werdet einst erröthen müssen, wenn die Zukunft euch donnernd fragen wird: Was habt ihr gethan für euern Glauben, für euer Judcnthum? was habt ihr gethan für die Stätten, wo das aufblühende Geschlecht die Weihe des Lebens empfangen soll? was habt ihr gethan für die Gotteshäuser, jene Trümmer, die allein Israel geblieben sind aus seiner heiligen, weltangcstaunten Vorzeit? — Habt ihr kein Herz dafür, wenn die Jugend bald nicht mehr wissen wird, was das svw bedeutet? kein Herz dafür, wenn die Synagogen, mit wenigen Ausnahmen, aller Ordnung, aller Andacht bar sind? kein Herz dafür, wenn in den Gemeinden nur Willkür und Laune das Szepter führen und der alte Krebsschaden, genannt Jndifferentismus, auch die guten Theile zerfrißt? Muß das fo fein? Muß nur Juda stehen bleiben in seiner Zerrüttung, während Alles vorwärts strebt? — Sag' nicht, mein Leser, daß ich heute nur anklagen will; dem ist nicht also; es ist ein über Israels Zustände trauerndes Gemüth, das diese Worte diktirt. Sieh', während ich in einer freien Abendstunde dies niederschreibe ist's draußen unschön; ein rauher Novembersturm schüttelt und zaust die Wipfel und Stämme der entlaubten Bäume und der Horizont ist rings herum von einem dunkeln Schleier bedeckt, durch den nur hie und da, mattfunkelnd, ein Stern blinkt. So ist auch dein Horizont, o Juda, noch immer trüb verhüllt; so berühren auch deine Wipfel, deinen Stamm die Stürme und Wehen der Zeit, und die düsteren Wolken am Himmel des deutschen Vaterlandes werfen einen breiten Schatten auf dein Gemüth. — Doch vergiß darüber nicht der Interessen deines Glaubens, der sonst keinen Annehmer hat inmitten der Völker! Es gilt einen Boden zu schaffen, von dem aus sich mit Erfolg für eine Reorganisation aller jüdischen Verhältnisse wirken läßt. Es gilt den Geist des Eigensinnes und der Gleichgiltigkeit fahren zu lassen und zu bannen aus den Gemeinden Jcschuruns. Es gilt, daß Männer mit Geist und Herz — und Solche finden sich in den meisten Gemeinden — sich sammeln und berathen, was Israel zu thun hat in dieser bewegten Zeit. Es ist wahr, es steht dir keine äußere Macht zur Seite, Israel, wie andere Konfessionen; du bist nur ein geringes, winziges Häuflein in der großen Völkerfamilie; aber eben darum muß der heilige Wille, die Bereinigung dir Kraft verleihen! Jakob Wedelt.