Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1850)
- Date
- 1850-12-02
- Page
- Seite 673 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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673 Brücke. Vor mir liegt die weite Ebene mit der Stadt im Hintergründe, mit hundert Dörfern und Menschenstattenz der Blick schweift über Hügel und Niederungen. Aber von dem Punkte, an dem ich stehe, laufen viele Wege aus, und einer muß eingeschlagen werden. Bald genug wird dieser mich tiefer hineinführen, in engere Begrenzung, und der Blick in das Weite ist geschwunden. ... So ist es auch mit dem Leben. Entweder umhecgeschweift, um nur in das Allgemeine von Neuem den Blick zu versenken, in's Weite, Unbestimmte; oder aber ein bestimmter Weg eingeschlagen, der zu einem beschrankten, aber sichern Ziele führt. Beides zu verbinden, ist nur in wenigen Augenblicken, mal hie und da, gegeben, aber nicht auf die Dauer. Das will ich mir merken, und mit mir in meine Klause tragen.. . . 10. An Freund H. 7. August 183 .. Du drückst Deine Verwunderung darüber aus, daß ich Dir von meiner Bekanntschaft mir dem seltsamen Manne Nichts wieder geschrieben habe. Ich wollte es absichtlich nicht, weil ich erst einige Zeit abwarten wollte, ob sie wirklich von Belang und Einfluß für mich sein würde. Um so eher kann ich Dir jetzt Rechenschaft darüber geben. Wenn ich den Lebensweg betrachte, den ich zurückgelegt habe, so bin ich, theurer H., voll Dankes gegen die göttliche Vorsehung. Ja, es war ein oft rauher, dorniger Pfad, und Entbehrung und Sorge spielten ihre tägliche Rolle darin ab — aber gerade dadurch brachte er einen solchen Zusammenfluß von Einwirkungen auf mich zusammen, daß ich dadurch frühzeitig das wahre Lebensglück und eine rechte Strebsamkeit erlangen konnte. Glaube mir, ich fühle mich recht bescheiden, denn überall erkenne ich das Höhere und Größere freudig an und beuge mich vor ihm, und meine Unzulänglichkeit tritt mir überall klar vor Augen — aber worüber ich mich echabcn fühle, das ist die Einseitigkeit, und darum stehe ich dieser gewaffnet gegenüber, wo sie mir auch in der außerordentlichsten Kraft entgegentritt. Denen, welche, in die Katakomben der Geschichte vergraben, allein dieser das Leben und die Geltung zusprechen, schleudre ich kühn den Blitzstrahl der Vernunft und des ewigen Schöpfungstriebes in der Menschheit entgegen. Denen, welche den Boden der Geschichte von sich stoßen und mit einer tausendkantigen PflugfHaar der Kritik bis auf den untersten Grund den Bestand der Menschheit durchwühlen wollen, kehre ich das Lächerliche ihrer Bemühungen entgegen, da sie nach einem Punkte des Archimedes suchen, ihn auch gefunden zu habe» wahnen, von dem aus sie die Erde, rch meine die Menschheit an einen andern Ort des Weltalls transportiren-können. Nimmermehr. Die Menschheit verläßt den g>latz ihrer Pflanzung nicht, und will fortwachsen aus dt >m, was gewachsen ist. Es liegt hierin keine Mitte und Leine Vermittlung. Es ist das Gesetz des Lebens, das gebaren läßt von denen, die geboren worden sind, nicht: aber neue Wesen aus der Luft herabfallen läßt. Darum aber ist mir Nichts lieber, als wenn mich die Vorsehung mit Menschen zusammenführt, welche irgend eine solche Einseitigkeit mit riesiger Kraft in sich ausgebildet haben. Da giebt es neue Prüfung, neuen Kampf, und das stärkt und macht männlich. Der Mann, 3>r. I., dessen Bekanntschaft ich auf so sonderbare Weise gemacht, als er einem Nachtfalter nachgejagt und über einen Baumstumpf gefallen, ist ein Phänomen in smner Art, Alles außerordentlich, ungewöhnlich an ihni, zurückgezogen, Nichts verlangend von der Welt, und t«ch voller Prätensionen. Ec hatte wrch nicht eingeladen, wiederzukommen; allein da er miH um meinen Namen gefragt, und er erkrankt war, tune es meine Pflicht, mich nach ihm zu > erkundigen. Ich rhat dies einige Male, so daß es sich nach seiner Gemfung wie von selbst verstand, daß ich ihn bisweiten belichte. Sein Empfang war immer derselbe. Er dankls nicht, er grüßte nicht; war ec beschäs-! tigt, so nickte er mit dem Kopfe, und überließ mich mir! selbst. Ich nah-» dann ein Buch aus seiner Bibliothek oder einen Gegenstand aus seinen bedeutenden Sammlungen, und machte es mir wohnlich. Ich wählte mir nachgerade orden tLich einen Gegenstand, den ich bei ihm studirte, NatulwisienschaftlicheS. Dann kümmerte ich mich auch nicht weiter um ihn; er ging, er kam, ich > studirte weiter, fjatte mir Papier und Schreibzeug auf I einen Tisch gelegzt^ und da arbeitete ich, bis es mir ge-! fiel zu gehen. Doch Eines hatte ich mir zum Gesetz ge-! macht, ich nah!» Nichts bei ihm an, weder Speise, noch! Trank — und w war Gourmand — was auch der Bej diente mir praßintirte, ein Glas Wasser und Nichts weij ter. Oder aber er war unbeschäftigt, ausgestreckt lag er > auf eine Chaise Longue; dann redete er mich sofort mit 49*