Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1850)
- Date
- 1850-12-02
- Page
- Seite 674 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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674 irgend einer wissenschaftlichen Frage an, die dann durchdiskutirt wurde. Durchdiskutirt! wie selten! Vielmehr hielt er sofort einen langen Vortrag über den Gegenstand, und wenn ich fertig war, da war ich entweder so überrascht von der Fülle neuer Ansichten, die er ausgebreitet hatte, daß ich sie nothwendig erst verarbeiten mußte, und daher schwieg; oder ich war der Sache gewachsen, und kam nun mit einem kurz gehaltenen, gedrängten Einwand — denn lange Gegenreden liebte er nicht — da gerieth er in Feuer, da hattest Du die Lauge von Spott, Scharfsinn, Wissen, Kombinicen sehen sollen, die sich über meinen Einwand ergoß. Er hörte nicht eher auf, bis Alles zermalmt war, und dann fügte er in der Regel hinzu: da habe ich Ihnen wieder Etwas zu Schanden gemacht, aber ich habe Sie nicht eingeladen und nicht gerufen, es ist nur ihre eigene Sache. Die ersten Male schwieg ich, und wenn mir der Kopf voll Gegenreden war, denn ich fürchtete üble Laune zu wecken, oder dieser Beredsamkeit nicht gewachsen. Spater wuchs mir der Kamm, und ich Hub selbst an und remonstrirte kräftig. Dann sah er mich mit seinen großen Augen an, und schloß: Sie haben mich nicht verstanden, denken Sie erst darüber nach. So endeten unsere Gespräche immer, und das war mir sehr zum Vortheil, denn dann dachte ich in der Thal nach, suchte mir selbst die Erwiderungen auf, die in seinem Geiste lagen, und bekämpfte sie in mir, wodurch ich denn zu eigenem, nicht blos übertragenem Resultate kam. Gerade auf diesem Wege ist es geschehen, daß der Umgang mit ihm mich nur befestigt hat in meinen Ansichten und in meiner Richtung. Daher kam es auch, daß ich ihm immer resoluter entgegentreten konnte, und ihn — denke Dir — einmal so in die Enge trieb, daß er sofort abbrach. Alles dies änderte aber in seinem Benehmen Nichts, bis er vor vierzehn Tagen zu mir sagte: Morgen Mittag um 12 Uhr fängt die Zeit an, wo ich Niemanden zu mir lasse, also auch Sie nicht. Den 12ten Oktober Mittags um 12 Uhr ist meine Wohnung wieder offen. Ich erwartete, daß er wenigstens hinzufügen würde: es wird mich dann freuen. Sie wieder zu sehen. Allein dies geschah nicht. Und statt daß mich dies ärgern sollte, konnte ich mich des Lachens nicht enthalten, ergriff aber sofort seine Hand und drückte sie herzlich. Er sah mich scharf an, sprach kein Wort, aber drückte sie mir wieder — was noch nie geschehen — ja, id) konnte einen leisen Seufzer gewahren. Dies stimmte mich ernst, und, um ihm ein Zeichen zu geben, daß ich das Band nicht zerrissen glaubte, bat ich ihn um ein Buch, in welchem ich die letzte Zeit öfter bei ihm gelesen. Er antwortete: ich verleihe keine Bücher, aber ich habe noch ein Exemplar bei dem Buchhändler N. liegen, holen Sie es sich und behalten Sie es. Ich nahm dies an, obgleich ich die pointe verstand, weil ich doch fühlte, ein solcher Geist hat seine Gründe, und die mußt du ehren. Du bist ein strenger Richter, theurer H., und darum weiß ich, die obige Schilderung wird Dir nicht genügen, weil sie eben nur die Form, aber nicht den Inhalt unserer Unterhaltungen zeichnete. Nun, wer könnte dies Detail wiedergeben? In Briefen sicher nicht. Dr. I. steht auf dem Standpunkt der vollen Negation. Die Bibel ist ihm nur ein Konvolut von Schriften, die aus der verschiedensten Zeit und mit der mannigfaltigsten Umgestaltung zusammengewürfelt sind. Die Tora ist nicht von Moses, Jesaias nicht von Jesaias, kaum ein Psalm von David, kein Spruch von Salomo, und wenn ich ihm entgegenhalte, wer denn alles das erdacht und fingirt haben soll, und welche Nation sich so Etwas wird aufbürden lassen: so schneidet er es mir kurz ab mit dem Ausspruch: das müsset Ihr mir beweisen, ich gehe von innen heraus. Und wenn ich erwidere: Eure inneren Kriterien sind von der vagesten Natur, und wenn ich innere Kriterien aufsinde, welche der Tradition und der uralten Angabe nicht widersprechen, so habe ich doppelte Waffe — so antwortet er mir: das Vorurtheit überredet sich Alles. Um so eher wirst Du voraussetzen, daß die positive Religion ihm nur ein Gewebe von Annahmen, Voraussetzungen, Drehen im Kreise ist, das ein Körnchen Vernunft auflöst. Und wenn ich ihm zu Leibe gehe, und sage: Nun, so stellt Ihr mir die großen Grundsätze und Regeln auf, von welchen das Leben der Gesellschaft sich beherrschen lassen soll, ohne in den Egoismus der Individualität zu verfallen und sich aufzulösen — da sagt ec. Ihr seid Kinder, die einer Bonbonniere und einer Ruthe bedürfen. So ist ihm denn auch die Geschichte nur eine Sammlung von Widersprüchen und Henkereien, und wende ich ihm ein, daß wir nicht die Reihe der einzelnen Fakten beachten müssen, sondern den Geist, der in ihrer Gesammtheit lebt — so wirst er mir „Ammenmahrchen!" an den Hals, „Hirngespinnst!" und „fangt von vorne an, wenn Ihr Männer werden wollet!" Du kannst Dir denken, daß Niemand die Schwächen und Mängel der Wissenschaft, die Irrungen der größten Geister, die Abwege aller Literaturen so ge-