Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1850)
- Date
- 1850-12-02
- Page
- Seite 672 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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672 gar Viel, was und wie wir handeln wollen, und nach einiger Zeit finden wir uns weit ab davon verschlagen, und erinnern wir uns unserer Vorhaben, so zucken wir die Achseln. Wol wahr, sagt das Ich; aber das darf uns nicht irre machen, zu überlegen, zu entwerfen und nach der Verwirklichung zu streben. „Denn dazu ward uns der Verstand", und noch mehr, der innerste Trieb laßt uns nicht ruhen, als bis wir immer von Neuem so verfahren. Nun gut, liebes Ich; rhu nur so, aber es ist schon schlimm, daß Du so lange Vorreden machst, denn das beweist, daß Du nicht weißt, womit Du anfangen sollst. Nun so laß mich nur.... Doch erst wollen wir uns in den Kahn setzen, und den Fluß ein Wenig hinauffahren. Dort am nördlichen Ende der Insel wollen wir aussteigen, und uns in den einsamen Forst versenken. Ich folge willig meinem Ich. Wie reizend ist es hier. Mein Fahrzeug schneidet lange Furchen in die Silberflache des leise fluthenden Stromes; die Fische spielen umher, kommen und schwinden. Hier um die Ecke herum, der minder geübten Hand wird es schwer. Bald war' ich vorübergestoßen. Hier gelandet. Nehmt mich auf, ihr kühlen Wipfel, ihr gigantischen Schatten. Dein Ziel, liebes Ich, ist Dir so ziemlich klar. Das Zudenthum ist in einen großen Kampf hineingeschritren. Dieses Zudenthum, das seit Jahrhunderten auf dem granitnen Sockel einer ältem Bildung, einer abgeschlossenen Entwickelung gestanden, ist von diesem Sockel heruntergestiegen. Es hat sich in die große Kampfebene der modernen Bildung begeben. Es wird da theils mit Jubel, theils mit Wehe empfangen. Es jubeln ihm viele seiner eigenen Söhne zu, die schon zu viel des Neuthums in sich ausgenommen, um mit dem alten Judenthume bestehen zu können. Es jubeln ihm Einige von außen „Willkommen!" zu, Solche, welche meinen, wieder ein geschichtliches Felsstück unter unsern Hammer zum Zermalmen gegeben! Wehe! rufen die Alten in unsrer Mitte. Wehe! rufen die, welche das Judenthum durchaus nicht verjüngt haben wollen, weil sie glauben, dann muffen dem versteinerten die jungen Geschlechter abfallen — glaubet nur nicht, daß sie dann Euch zufallen! — Also kurz, das Judenthum ist dem Kampfe hingegeben zwischen der Felsenharte seines alten Bestandes und dem Zersetzungsdrang der Neuzeit. In diesem Kampfe bedarf es der Helfer, der Träger. Solch' Einer willst Du werden. Welche sollen nun Deine Mittel hierzu sein? Willst Du den Kampf aufzuhaltm suchen, indem Du Dich zur Stütze desAlten machst? Das widerspricht Deiner Ueberzeugung. Willst Du Dich zum Vorkämpfer der Neuzeit machen, und vor Dir her zertrümmern, was Du erreichen kannst? Das widerspricht Deiner Anschauung. Du weißt, die Geschichte laßt sich nicht ab sch neiden. Du weißt, der Mensch will und muß etwas Positives haben, weil er sonst im Kampfe mit den materiellen Schwierigkeiten des Lebens vergeht. Willst Du inmitten hin und herlaviren, und bald da aufhalten, bald da fortstoßen? Das ist plan- und zwecklos, und befriedigt weder Dich noch Andere. Nun, liebes Ich, gieb Dir Antwort. Das Ich sagt: wir müssen uns nicht außerhalb der Sache versetzen, und von danach innen wirken wollen. Wir müssen in dem Dinge leben. Ich werde mich daher mit dem Geiste der menschengeschlechtlichen Bildung durchtranken, dann auf den geschichtlichen Bestand des Judenthums mich verpflanzen, und von hier aus die Entwickelung in ihren großen Instituten und Richtungen fördern und beleben; wirken für Weckung und Belebung, für neue Schöpfungen, die an die Stelle der alten, verfallenen treten, daß die Geschichte sich lebendig und t hatkräftig fortspinne. Also nicht wie von außerhalb herantreten und bald hier, bald da ein Stück abschlagen, sondern mitten hineinversetzt und auf daß Leben, auf die Entwickelung des Inhalts gewirkt. Du hast Dich gut ausgesprochen, liebes Ich. Gehen wir aber nur ein Wenig reeller zu Werke. Wie willst Du das ausführen? Willst Du bloßer Literat werden? Um Gott nicht, denn der bloße Literat hat mehr oder weniger Hirngespinnst an sich, und sein Arm reicht niemals an die Wirklichkeit. Er schwebt stets zwischen Himmel und Erde, und gehört Beiden nicht an. Er genießt Achtung, aber kein Ansehen. Oder ein fahrender Missionar, der Reden halt von Ort zu Ort? Wie kann man so fragen. Unsre Zeit ist weder für Rolands, noch für Don Quixotes gemacht. Nun, so bleibt Nichts übrig als wirklicher Theologe. Das Ich sträubt sich. Abgesehen von den Uebelständen, die mit dem Stande eines jüdischen Theologen den Verhältnissen nach immer verbunden ist, von der Abhängigkeit, in die er gerathen muß, von dem Verluste des freiem Blicks in die Bewegung der Welt, von den Schranken, die ihm überall entgegentreten, fühlt sich das Ich beengt innerhalb so bestimmter Linien der Thätigkeit. Ich trete aus dem Walde heraus, ich gehe über die