Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1850)
- Date
- 1850-12-02
- Page
- Seite 670 (sequence 6)
- Language
- German
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670 und der gleichzeitigen Beschimpfung des dortigen preußischen Konsulats von der Pforte geforderte Genugthuung scheint von dieser in vollem Maaß gewährt werden zu wollen. Schon hat der jetzige provisorische Gouverneur von Damaskus mit Emin Effendi, der von der Pforte dahin gesandt und mit Untersuchung der Sache beauftragt ist, im dortigen preußischen Konsulat mit einem großen Gefolg von Kawassen und Dienern einen Besuch gemacht und dem Konsul über das Vorgefallene sein Bedauern ausgedrückt. Der besonders bei den Mißhandlungen betheiligte Töfenktschi- Baschi ist gefangen gesetzt, und Said Pascha und sein Kiaja werden, sobald sie von Mekka zurück sind, hierher berufen und zur Strafe gezogen werden. Ueber die Summe der Entschädigung, welche die Familie des zu Tod geprügelten Romano erhalten soll, ist man noch nicht ganz im Reinen. Literarische Nachrichten. Magdeburg, 17. November. Einhorn's die Revolution und die Juden in Ungarn. (Schluß.) Man hat jedoch vielfach behauptet, daß die Juden durch die Presse einen Ungeheuern Einfluß auf die ungarische Bewegung geübt und sie zur Revolution gedrängt haben sollen. Diese Behauptung fand und findet um so gläubigeres Gehör, als sich im Auslande zahlreiche Analogien für sie finden lassen. Jedoch in Oesterreich und Deutschland mag sie vielleicht nicht ganz unwahr sein, sie aber auf Ungarn anzuwenden, verräth die totalste Unkenntniß unserer Landesverhältnisse. Vor Allem hat die ungarische Revolutionspresse überhaupt nicht den vierten Theil jenes Einflusses geübt, dessen sie sich in anderen Ländern erfreute. Zuerst aus dem einfachen Grunde, weil das eigentliche Volk, besonders auf dem Lande noch sehr wenig literarische Bildung besaß und an Zeitungslektüre nicht gewöhnt war. Wenn's hoch kam wurde im Nachmärz in jedem Dorfe Ein Exemplar von Vas Gerebens „Nepbarat" gehalten und Sonntag Nachmittags vom Geistlichen oder Notar in der Schenke vorgelesen. Aber noch ein anderer tiefer liegender Grund wirkte hier mit, um auch bei dem gebildeten und zeitungslesenden Publikum den Einfluß der Presse nicht sehr erstarken zu lassen. Die österreichische Regierung hatte seit Jahrzehnten in Ungarn die Zensur eingeführt. Dagegen war das freie Wort nicht beschränkt, und es wurden immerwährend in 52 Komitatssälen die heftigsten Reden gehalten, von denen manche, wären sie im Druck erschienen, ihren Verfassern mindestens ein lebenslängliches Staatsdomizil in Munkacs oder auf dem Spielberg verschafft hätten. Hierdurch geschah es, daß alle talentirten Männer zum Ausdruck ihrer Gesinnung und zur Einwirkung auf das Volk lieber die Zunge als die Feder gebrauchten, und daß sich — im schroffen Gegensätze z. B. zu Deutschland — hier das Redetalent in einem viel hohem Grade als das Schreibtalent entwickelte. Eine natürliche Folge hievon war, daß allgemein das ausgesprochene Wort höher als das geschriebene geachtet wurde. In jenem sah man den wahren Ausdruck der Gesinnung, in diesem nur einen matten Abklatsch derselben. Der Märzsturm konnte diese tiefgewurzelten Verhältnisse nicht mit Einem Male brechen. Nicht in wenigen Wochen konnte die Feder des Journalisten jene Gewandtheit und Kraft erringen, welche der Zunge des Redners längst zutheil geworden, nicht in wenigen Monaten das Volk gewöhnt werden, seine Aufmerksamkeit und Achtung in gleichem Maaße dem Journalisten wie dem Redner zuzuwenden. Daher rührt die Einflußlosigkeit der ungarischen Presse im Nachmärz. Anstatt wie in anderen Ländern der Regierung und dem Reichstag den Impuls zu geben, empfing sie ihn von diesem. Sie machte höchstens den Dolmetscher und Vermittler, erhob sich aber fast in keiner einzigen Frage zur Rolle des Führers. Da aber, wie wir oben gezeigt, die ungarische Judenheit weder im Reichstag, noch in den Regierungsbüreau's vertreten war, so konnte sie auch nicht den, von jenen zwei Mächten gelenkten Gang der Presse bestimmen. Aber selbst jener geringe sekundäre Einfluß, welchen die Presse auf den Gang oder doch auf die Verbreitung der Revolution übte, kann hier nicht wie in anderen Ländern ausschließlich oder auch nur theilweise den Juden zugeschrieben werden. Es war auch dies eine Folge unserer eigenthümlichen Landesverhältnisse. Die Presse war bei uns seit Langem eine zweifache: eine magyarische und eine deutsche. Die jüdischen Literaten gehörten vom Hause aus zur Letztem, bestrebten sich jedoch seit Jahren mit dem größten Eifer, zur Erstem überzugehen. Im Vormärz, wo man an einem Zeitungsartikel — Tage, an einer Broschüre — Wochen, an einem Buch — Monate lang schreiben konnte, war dies thunlich. Im Nachmärz hingegen, wo Alles auf raschen Windesflügeln einhereilte, konnte ein Schriftsteller zum Ausdruck seiner