Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1850)
- Date
- 1850-12-02
- Page
- Seite 668 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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668 folgung, sondern nur gewarnt. Zur Unterstützung seiner Aeußerungen zählte er die Namen aller der Juden auf, welche an den berliner Vorgängen sich betheiligt oder an demokratischen Blättern mitgearbeitet hatten. Kurz, solche schimmernden Gründe brachten die Freisprechung zuwege. Wir glauben jedoch immer, daß die Anklage gewirkt hat, und daß jene maßlosen Jnvektiven nicht wiederkehren werden. Wenigstens ist das Referat über den Prozeß in der N. Pr. Ztg. ziemlich ruhig gehalten. Sollten sie wiedcrkehren, so muß auch die Anklage wiederkehren, damit diejenigen, welche, blind von Haß, uns zu verderben trachten, erfahren, daß wir nicht blind, sondern wachsam sind. Das Lächerliche in allen diesen Auslassungen ist, daß diese Herren von ihrem gläubigen Standpunkte aus die Gesammtheit der Juden als dem wahren Glauben abgefallen, untreu, unempfänglich ansehen, und nun doch wieder die alten Juden als treu, fromm, gläubig bezeichnen, dagegen die Juden, welche dem Geist und der Bildung der Zeit nicht fern geblieben, als abgefallen, untreu. Ja, das ist ihnen der wahre Jude, der, vom Pöbel verhöhnt und mißhandelt, mit dem Bettelsack auf dem Rücken, im zerrissnen polnischen Gewände die Straße» pilgert. Der aufgerichtete Jude, der Jude, der kräftig sich erhoben, und, immer auf dem Felsen der viertausendjährigen Lehre, den Geist der menschengeschlechtlichen Kultur dieser Lehre vereint hat, oder zu vereinen strebt, der ist ihnen ein Dorn im Auge! Jenen liebkosen sie, diesen Haffen sie; jenen, weil er ein willkommner Gegenstand ihrer Verachtung und Mißhandlung ist, diesen, weil er ihnen entgegenzutreten und mit ihnen zu ringen vermag; jenen, weil er froh ist, wenn man ihm zu athmen gestattet, diesen, weil er es wagt, als Mensch auf Gleichberechtigung Anspruch zu machen. Ihr nennt ihn untreu, abgefallen! Ist der moderne Jude, der tausend Verlockungen, seiner Religion zu persönlichem Vortheil zu entsagen, ausgesetzt war und ist, nicht mindestens seinem Glauben ebenso treu, wie der im alten Judenthum ausgewachsene und verbliebene Jude? Aber wozu streiten mit Leuten, die das Alles ebenso gut wissen wie wir, aber es nicht wissen wollen — um desto kräftiger schimpfen zu können. Berlin, 24. November. Durch fontgl. Verordnung sind die jüdischen Rittergutsbesitzer zu den Kvmmunallandtagen zugelassen worden. Breslau, 17. November. (Privatmitth.) Am 20. vor. M. habilitirte sich hier an der Universität vr. Ferdinand Cohn. Seine Antrittsvorlesung hat vielen Beifall gefunden. Derselbe ist erst 22 Jahre alt. Er ist unsers Wissens der zweite Israelit, der an einer preußischen Universität als Privatdozent sich habilitirte, der andre ist vr. Saal schütz in Königsberg. Magdeburg, 25. November. (Privatmitth.) In diesen Tagen fanden hier die Wahlen für den Gemeinderath von Magdeburg statt. Es wurde in denselben Rabbiner Dr. Philippson mit einer Majorität von 166 Stimmen gewählt, obschon ihm der Aelteste der Kaufmannschaft, einer der geachtetsten Bürger, als Gegenkandidat gegenüberstand. Steele, 20. November. (Eingesandt.) Wenn der Verfasser des Artikels in No. 46 von Münster glaubt, im Interesse der Wahrheit seine Lanze gegen den vr. Friedländer einlegen zu müssen, so scheint doch gewaltig, daß Parteihaß und blaffe, neidische Bosheit, oder gar Gefallsucht ihm die Worte geliehen haben. Einsender dieses, der mit den Verhältnissen ziemlich vertraut ist, muß unparteiisch Herrn vr. Fr. das Zeugniß eines segensreichen, wackern Strebens zuerkennen, der sowol als Lehrer wie als Prediger mit dem besten Erfolge wirkt. Unter ihm hat sich eine Reformgemeinde gebildet, die Wenige ihres Gleichen hat, denn sie verbindet mit ungeheucheltem, rationellem Streben nach lauterer Gotteserkenntniß, eine richtige Auffassung zeitgemäßen Gottesdienstes. Wie wohl fühlt man sich in ihrem einfachen und doch schönen Betsaale, wo stille Gebete, die wohl verstanden, sich zum Himmel erheben; wo mächtige Choräle mit feierlichem Orgelton sich zum Vater droben schwingen; wo aus dem Munde des jugendlichen Predigers Worte — o tausende — der Liebe, der Versöhnung, der Eintracht strömen. Wie lauscht da Alles mit aufmerksamster Andacht; wie ruhet auf dem Antlitze eines Jeden der wahrhaft feierliche Ernst! Und wenn dann einKaddisch gebetet oder der Prediger mit ausgebreiteten Händen den Segen spricht, da ist ein Erheben, man fühlt sich zum Himmel gezogen, für Gott, für Göttliches beseelt, gekräftigt! Viele, die dem jüdischen Gottesdienste fast entfremdetwaren, hier sieht man sie (Ps. 122) mit Freuden hineilen; weil Herz und Gemükh, Geist und Sinn