Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-11-25 · Heft 48 (25.11.1850) · p. Seite 662

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 48 (25.11.1850)
Date
1850-11-25
Page
Seite 662 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225660-3225709--11405-3241513
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

662 Toteranzsteuerreste versammelten sogenannten Vertreter der Juden, welche eine Unterscheidung zwischen Juden und Juden gemacht haben wollten, werden in den folgenden Abschnitten treffend entwickelt. Mit dem Reichstage 1847, mit den Februarereigniffen ward die ungarische Opposition allmächtig — aber sie löste ihr Wort nicht ein, ein preßburger Judenkrawall genügte, um den Juden selbst das Geringe, was sie ihnen zugestanden, das Wahlrecht, wieder zu nehmen. Das preßburger Bürgerthum wurde dadurch ermuthigter; wieder ein Krawall, und man stieß die Juden wieder aus der Nationalgarde heraus, desgleichen in Pesth. Der Verf. schildert diese Ereignisse, an denen er selbst Antheil hatte, lebhaft — das Ministerium Kossuth-Batthyäny drängte die Juden in eine mittelalterliche Stellung zurück, indem es die Judenkrawalle Ln Preßburg und Pesth zum Vorwand nahm, anstatt sie zu bekämpfen. Die Folgen waren dann, daß die Judenverfolgungen eine fürchterliche Höhe erreichten und als Märzerrungenschast angesehen wurden, als Solche sich nach ungarischen Landstrichen verbreiteten, wo früher davon gar keine Spur. Der Verf. fahrt nach ausführlicher Schilderung mit den Worten fort: „Ware der Jude wirklich das, wofür man ihn oft ausgiebt, nämlich: Egoist, er hatte jetzt die beste Gelegenheit gehabt, der ungarischen Regierung mit reichlichen Interessen zu vergelten, was sie an ihm verschuldet, indem ec sich entweder mit ihren Feinden verbündete oder wenigstens neutral blieb. Er that auch Letzteres nicht. Kaum ertönte der Ruf: „das Vaterland ist in Gefahr", als er nur an dieses, und nicht mehr an sich dachte. Ec vergaß die Unbill, die ihm in jüngster Zeit zugefügt worden, um sich nur der Wohlthaten zu erinnern, die er Jahrhunderte hindurch hier genossen. Er vergaß das illiberale Benehmen der schwachen Regierung, um nur der Freundlichkeit zu gedenken, mit der ihm das biedere Volk in Zeiten begegnet, als seine anderwärtigen Glaubensgenossen nur Schmach, Druck und Verfolgung gekannt. In anderen Ländern hatte der Marz den Juden zum wahren Patrioten gemacht, der ungarische Jude blieb Patriot trotz dem März." — So schön dies klingt, so erklärt dies die Wirklichkeit dennoch nicht, und je mehr der Verf. die Motive des Gegentheils in schweren, niederdrückenden Thatsachen vorgeführt, desto leichter scheint uns noch die Brücke geschlagen. Ja, kurz nach diesen Worten zeigt uns in No. XI der Verf., wie auch jetzt noch das ungarische Ministerium die preßburger Juden sammt und sonders in das Ghetto schleuderte und in Pesth sie beschränkte, so daß man schon die Idee einer großartigen Auswanderung hatte, wie der Reichstag die Emanzipationsfrage von sich abwies. Endlich kommt der Verf. zu dem Antheil, den die Juden in Ungarn wirklich am Kampfe genommen, und sicher gereicht es zur Ehre, daß der Verf. denselben ebenso wenig wegleugnet als übertreibt. Wir wollen hier den Verf. selbst sprechen lassen: „In jenen Landestheilen, welche unter der Botmäßigkeit der ungarischen Regierung standen, zeigte der Jude die edelste Bereitwilligkeit, Gut und Blut jener Regierung zur Verfügung zu stellen, von der er in den ersten Monaten des Nachmärz schütz- und vertheidigungslos der Pöbelwuth war preisgegeben worden. Als der Dienst der Nationalgarde ernst und gefahrvoll zu werden begann, wurden die Juden allseitig wieder zum Eintritt in dieselbe aufgefordert. Alle erlittene Unbille vergessend, folgten sie unverweilt dem Rufe. Und wiewol sie Neulinge waren, während von ihren christlichen Kameraden Viele seit Jahren, Andere wenigstens seit Monden Gelegenheit zur Waffenübättg gehabt, hörten wir doch nie, daß ein Jude im Dienst weniger Eifer, in der Waffenführung weniger Geschicklichkeit, im Kampfe weniger Muth als sein christlicher Nebenmann gezeigt hatte. ... Als im August 1848 die ersten zehn Honvedbataillone, später eine große Nationalarmee geschaffen wurde, traten die Juden massenhaft unter die Trikolore. Biele, sehr Viele als magyarische Patrioten, aber unstreitig die Meisten als rettungsuchende Juden. Von den nichtmagyarischen Volksstürmen angefeindet, von den Magyaren nicht beschützt, seit dem März um eine traurige Erfahrung bereichert, daß auch eine Revolution nicht alle Vorurtheile und Ungerechtigkeiten vergangener Zeiten ganz zu tilgen vermögen: griffen sie jetzt wie ein Ertrinkender nach dem letzten Strohhalm, vielleicht werde ihnen dieser Rettung bringen. Sie hofften nicht mir Unrecht, daß gemeinsame Kampfesleiden vielleicht einen bessern Kitt als die Freiheitssreuden abgeben dürften, daß das Blut, welches aus jüdischen und nichtjüdischen Herzen auf dem Schlachtfelde gemeinsam vergossen wird, vielleicht auch die Herzen, aus denen es fließt, enger verbinden werde.... Auch muß berücksichtigt werden, daß bei den Juden, die doch in ihren Erwerbsweisen so sehr beschränkt waren, eine viel größere Anzahl als beim Christen von solchen Männern vorhanden war, die ohne festbestimmten Erwerb nur von zufälligem Einkommen lebten und sich daher leichter, da sie keine begründete Existenz zu opfern hatten, dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.