Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1850)
- Date
- 1850-11-25
- Page
- Seite 658 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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658 enthalts wurde segenspendend verwendet. Die alte Tante erhielt sogleich von der durch ihre Kunst groß und reich gewordenen Nichte ein Jahresgehalt von 400 fl. ausgesetzt, deren eine Halste sie dem dortigen Vorsteher der Israeliten, Herrn Jakob Bar, sogleich behändigte. Außerdem übergab sie der Tante selbst, nebst anderen Geschenken, noch 100 fl. zum Ankäufe von bequemeren Möbels. Der Synagoge spendete sie 150 fl., und den Ortsarmen, ohne Unterschied des Glaubens, eine namhafte Summe. Was sie an Kostbarkeiten bei sich hatte, wurde zu Geschenken und Andenken verwendet. Nachdem sie über eine Stunde bei ihrer Tante sich aufgehalten und dort einige Erfrischungen genoffen, verweilte sie im Hause des obengenannten Vorstehers, bis sie Mittags 10^2 Uhr weiter nach Mannheim reiste. Durch diese edle Handlungsweise gab die Künstlerin ihrem Herzen das ehrenvollste Zeugniß. Sie selbst war über die Gelegenheit zum Wohlthun innig erfreut. Mit einer unbeschreiblichen Anmuth wußte sie Jedem entgegenzukommen und Jeden zu erfreuen, und sich die Achtung und Liebe Aller zu erwerben. Abhandlungen verschiedenen Inhalts. Episode ans dem 18ten Jahrhundert. Es ist, um die Gegenwart recht zu würdigen, wohlthatig öfter einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Wir Israeliten bedürfen hierzu keines Rückblicks in eine langst vergangene Zeit. Ein Jahrhundert enthalt für uns schon einen Zwischenraum, wie bei anderen Völkerschaften um ein halbes Jahrtausend. Wir geben daher eine Episode aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, in der Uebersetzung eines von Carmoly in den Arch. isr. de Fr. mitgetheilten Artikels. Unsere Glaubensgenoffen in Oesterreich werden daraus den Segen der Jetztzeit entnehmen, die ihnen eine gesicherte bürgerliche Stellung in so reichem Maße gebracht hat. 1. Die Kaiserin Maria Theresia vertreibt die Juden aus Böhmen und Mähren. Kaiser Kart VF starb den 20. Oktober 1740; die Erzherzogin Maria Theresia, älteste Tochter dieses Monarchen, nahm sofort Besitz von den weiten österreichischen Staaten. Die Israeliten im ganzen Umfange der Monarchie, besonders im Königreiche Böhmen, gaben ihren Eifer zu Gunsten ihrer neuen Beherrscherin zu erkennen. Sie hofften, daß eine Frau, die so zugänglich und volksthümlich war, ihr Schicksal Gewiß verbeffern würde. Das Beispiel des Königs von Neapel und Sizilien, der durch ein Gesetz vom 3. Februar 1740 die Juden in seine Staaten zurückrief, ließ sie an eine neue Zeit glauben, welche von allen Verfolgungen frei sein würde. Da erließ die Kaiserin mitten in den Stürmen ihrer Erbfolgekriege *) einen Beseht am 18. Dezember 1744, der am 22. Dezember in Prag und im ganzen Königreich Böhmen veröffentlicht wurde, folgendermaßen: I. Aus verschiedenen sehr wichtigen Gründen, habe ich beschlossen, in Zukunft in meinem Erbkönigreiche Böhmen die Juden nicht mehr zu dulden. Ich will demnach, daß am letzten Tage des Januars 1745 kein Jude mehr sich in Prag befinde; findet man daselbst noch welche, so sollen sie durch Soldaten hinausgeschafft werden. II. Um ihre Angelegenheiten ordnen und über ihre Effekten disponiren zu können, ist es ihnen gestattet, noch sechs Monate im übrigen Theil des Königreichs verweilen zu können. III. Jedoch am Ende der sechs Monate müffen alle Juden das ganze Königreich Böhmen verlassen haben. IV. Die Räumung des ganzen Landes muß vor dem letzten Tage des Juni 1745 stattsinden. Wien, den 18. Dezember 1744. Am 2. Januar 1745 erging ein gleicher Befehl an die Juden Mährens, dieses Land zu verlassen in sechs Monaten, und sich in keinem österreichischen Staate niedeczulassen 2). Diese Trauerbotschaft war ein so unerwarteter Schlag, daß die Unglücklichen sich der größten Verzweiflung überließen. Dann sich ihrer Religion und ihrer Brüder erinnernd, und wissend, daß die Kinder *) Der Rabbine Natanel Weit, Augenzeuge, entwirft in der Vorrede seines Werkes bfccn:} ■p'ip ein schreckliches Gemälde der Kriegsleiden. Am 21. und 22. Kislev 5005, das ist am 26. und 27. November 1744 sielen die feindlichen Soldaten über die Juden von Prag her, plünderten ihre Hauser, verwundeten mehr als 500 Personen, und mordeten Viele von ihnen; er selbst war der Wuth derselben ausgesetzt. E. 2) Der Verfasser des Buches tpn*Srr n’mp, Brünn 1801, T. 1. S. 17 den Text dieses zweiten Edikts. C.