Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1850)
- Date
- 1850-11-18
- Page
- Seite 640 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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640 Tobten zu lösen, jenes sich anzuekgnen, dieses auszuscheiden. Und solcher Kritik bedarf der Jude und das Judenthum. ,. . 2. An die Mutter. 1. August 183.. .. - Ich sthe nicht ein, warum ich mich einer Freude, die ich in Aussicht habe, nicht im Voraus freuen soll. Man sagt, freue Dich nicht allzusehr, denn Du weißt nicht, ob es überhaupt in Erfüllung gehen werde, und ob so, wie Du es Dir dachtest. Uebertriebene Erwartungen lassen dann die Wirklichkeit zu gering finden. Ich bin dieser Meinung nicht. Freue Dich, wann und wo Du Dich freuen kannst, wenn es nur eine reine Freude ist. Die Freude, die ich schon genossen, habe ich jedenfalls gehabt. Und wie könnte meine Erwartung je zu hoch gespannt sein, wenn es gilt — Dich, liebe Mutter, zu sehen und meine Geschwister zu umarmen. Am 20sten gedenke ich meinen Wanderstab in die Hand zu nehmen, und nach dem ersten Halbjahre des Studiums — zu Euch zu kommen. Wie sollt' ich nicht im Vorgefühle glücklich sein, jauchzen, jubeln — in diesem Augenblicke fliegt meine Mütze gegen die Decke — bedaure sie nicht, sie hat nicht hoch zu fliegen. Ob Du mich verändert finden wirst? Nun im Herzen gewiß nicht. Ich bin heiter, liebevoll, voll guten Bewußtseins und Genügsamkeit. Im Geiste? Nun es wäre ein schlechtes Zeugniß, wenn ich, abgesehen vom Wissen, nicht gewonnen hätte an Einsicht, Beweglichkeit, Umsicht, wenn man geraume Zeit in einem größernund bedeuternden Kreise gelebt hat. Im Aussehen? Ich bin frisch und gesund. Etwas, Mütterchen, muß man auch im Aeußern scheinen. Der Student wird sich nicht verleugnen, wenn Du auch lächelst. Den Hut hat eine farbige Mütze ersetzt, die Pfeife mit Quaste in der Hand mußt Du schon dulden, und auf den Rock sind einige Troddeln gekommen. Das ist am Ende Alles, und wenn die Leute den ersten und zweiten Tag auf mich ausschauen werden, den dritten lassen sie's bleiben, selbst wenn sie den Schnurrbart und bescheidenen Henri quatre sehen. Na, sagt der Ernst, da bin ich doch neugierig wie er aussi'eht . . und Moritz meint: mein Bruder ist ein Mordskerl geworden, so 'ne Mütze muß ich auch haben — mit der Pfeife und Schnurrbart ist's freilich noch Nichts. Beide werden aber zufrieden sein, denn ich bringe Beiden was mit was? ja, das sage ich Euch heute noch nicht, ihr Jungen! . . . Jndeß ist mir in diesen Tagen doch etwas sehr Ernsthaftes begegnet, was ich Dir, liebe Mutter, nicht verschweigen will. Vor vierzehn Tagen wurde ich, was schon öfters geschehen, zu dem hiesigen Professor der Geschichte zum Abendthee eingeladen. Ich hatte vor zwei Monaten mich demselben durch eine lateinische Abhandlung empfohlen, die ihm ganz besonders gefallen, weil ich, ohne daß ich's wußte, darin ganz seine Ansichten über die Geschichtsschreibung entwickelt hatte. Die Gesellschaft bestand nur aus einigen bekannten Männern und einem Fremden, dem Grafen B. aus G. in Baiern, welchem mich der Professor mit ehrenden Ausdrücken vorstellte. Der Graf beehrte mich mehreremale den Abend mit besonderen Gesprächen, in denen er zwar mehr sprach als ich, weil ich 'weiß, daß man von denen für den besten Gesellschafter gehalten wird, welchem man aufmerksam zuhört. Doch schienen ihm auch meine Bemerkungen zu gefallen. Der Graf ist unstreitig ein sehr unterrichteter Mann, wie ich mir kaum in so hohem Stande vorgestellt. Nun, um's kurz zu machen— vor einigen Tagen ließ mich der Professor rufen, und eröffnete mir: der Graf suche einen jungen Mann, der ihm Gesellschafter, Bibliothekar, Sekretär sein könnte, da er sich von der Residenz auf sein, in herrlichster Gegend gelegenes Schloß zurückziehen wolle. Ein Jahrgehalt von 400 Thlr., freie Station, die Gelegenheit seine Studien für sich fortzusetzen, und später sichere Beförderung, die um so leichter, als der Graf selbst fast ein Fürstenthum an Gütern besitzt, waren die Anerbietungen; ich habe dem Grafen sehr gefallen, und er hätte ein Auge auf mich geworfen. Der Professor schilderte die Persönlichkeit des unverheiratheten Grafen mit den schönsten Farben, und gab mir zu verstehen, daß dies eine nie wiederkehrende Gelegenheit sei, mein Glück zu machen, daß überhaupt ich die Wahl des Grafen als ein Glücksloos ansehen könnte, da hundert junge Leute nach solcher Stelle ringen würden. . . Eine Welt war mir auf die Seele gewälzt. Denn einen Theils die unabsehbaren Vorrheile für mich, für Euch wir wären mit Einem Male Alle geborgen — dann andererseits doch das Aufgeben meiner eben begonnenen Universitatskarriere und der Verlust meiner Unabhängigkeit. . . Allein der Kampf war kurz, denn als ich endlich mich faßte und mir einige Bedenkzeit ausbat, fügte der Professor hinzu: es verstünde sich von selbst, daß ich im Falle