Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1850)
- Date
- 1850-11-18
- Page
- Seite 649 (sequence 9)
- Language
- German
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649 von jedoch für dieses Jahr nur 4 — aus jedem Rabbirratsbezirke Einer — Aufnahme fanden, indem die übrigen 3 das vorschriftsmäßige 15te Lebensjahr noch nicht zurückgelegt hatten. Denn nach dem oben angeführten Regulativ soll der Adspirant erst ein Jahr nach seiner religiösen Konfirmation in diese Bildungsanstalt treten, damit er sich inzwischen bei musterhaften Religions¬ und Elementarlehrern zur Aufnahme vorbereiten — und mit erlangtem 18ten Lebensjahre dem israelitischen Schul- und Synagogendienste vorstehen kann. Freilich konnte man es Anfangs mit dieser Vorbereitung nicht so strenge nehmen, weil es den Eltern größtentheils an Gelegenheit und Mitteln fehlte, ihre Söhne bei solchen — erst noch zu ernennenden — Präparandenlehrern unterzubringen. Doch wird die Zukunft auch die Anzahl der Letzteren im Herzogthume vermehren; so wie wir überhaupt der Einsicht unsrer Staatsregierung und dem guten Willen unsers Landtags, vor Allem aber der Hand des allgütigen Vaters — welche uns Menschenkinder oft durch unscheinbare Mittel zu einem gedeihlichen Fortschritte führet, — vertrauen, daß auch diese zwar kleine, sich jedoch die moralische Bildung und religiöse Aufklärung der künftigen Generation jüdischerGlaubensbekenner zum Ziele machende Anstalt wachsen und gedeihen und mit der Zeit auch so manche gute Früchte zur Reife bringen werde! Belletristisches. Driefe und Spaziergänge eines jüdischen Studenten. (Fortsetzung aus No. 45. 46.) 7. An denselben. 1. Juli 183 .. Es ist doch eigenthümlich, daß, ich nehme Fachstudien wie Medizin und Juristerei aus, die Universität auf den jüdischen Jüngling, wenn er dies wahrhaft ist, wenn er nicht blos dem Namen nach dieser Konfession angehöct, wenn er in seiner Kindheit, in seinem Knabenalter mit und im Judenthume gelebt hat, doch immer in gewiffen Beziehungen einen abstoßenden Eindruck übt, gegen den er sich zuerst abwehrend benimmt, und mit der Zeit gteichgiltiger wird. Der Jude, er mag wollen oder nicht, der geistige Jude, bringt Ulkes in einen Bezug zur Religion, zu seiner Religion, die, wir wissen es selbst nicht, wie sehr eigenthümlich ist ttroh ihrem Weltinhalte. Und kömmt er nun zur Universrtült, so sieht er die Wissenschaft entweder so fern von der Religion, diese so ignorirend, daß ec, der den Bestand jener so genau kennt, sie überall vermißt; oder so lediglich mnd ausschließlich auf das Christenthum basirt, daß ihm der Geist des Hochmuths gegen alle nichtchristliche religiöse Anschauung schneidend, wie Nordwind im Winter anweht. Man braucht nicht jüdischer Theologe zu smn, um dies zu empfinden. Für die klassische Philologie ist die Religion gar nicht vorhanden, sie perhorreszkrt diese als gar nicht nothwendig zum menschlichen Dasein; die Philosophie zuckt zumeist die Achsel über sie uirb rümpft die Nase über die weltbeherrschende Mutter Judäa's, die Religion*); die Naturwissenschaft erhebt Pch selten von der Betrachtung der Materie; und die Theologie, nun diese blickt mit so verbissenem Ingrimm Md so stolzer Selbstüberschätzung auf das Judenthum, das sie gewöhnlich nur aus einigen Paragraphen einer bürrent Dogmatik kennt. Der Jude fühlt da, daß alles dies eigentlich nicht auf ihn berechnet ist, daß es aus einem Geiste geflossen, der nicht ganz der Seine ist, daß sich alles dies immer in Etwas negativ gegen rjhn verhalt. Darum Anfangs eine große Unbehaglichkeit, ein Alleinfühlen, bis er mit Anstrengung dies Gefühl der Fremde überwunden und gelernt hat, wie von seLbst auszuscheiden, was für ihn nicht genießbar ist, wie »man von einem Apfel Schale und Kernhaus trennt, und das Fleisch verzehrt, ohne etwa jenen um dieser willen zu verschmähen. So, lieber H., iß es Deinem Freunde ergangen, und er ist froh, daß er auffängt es hinter sich zu haben. Aber ich bedaure nicht, daß es also ist. Es bringt dem Juden fürwahr keinen Schaden. Nicht der ist tapfer, der noch keinen Kampf gehabtz großsprecherisch vielleicht, aber nicht tapfer. Das wird ivan erst, wenn man mehr als eine Schlacht bereits mit.geschlagen. Hierdurch wird der Jude von vornherein auf den Standpunkt der Kritik gestellt, aber nicht der Kritik, die blos verneint, sondern die nur sichtet, was brauchbar und was unbrauchbar ist, einer Kritik, welche ich die positive nennen möchte, welche sich des Gegenstandes zu bemächtigen sucht, nicht um ihn zu vernichten, zu zermallmen, sondern um das Lebendige vom *) Man vergesse nicht, die Briefe sind im Anfang der Dreißiger Jahre geschrieben. Redakt. 47*