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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-11-11 · Heft 46 (11.11.1850) · p. Seite 638

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 46 (11.11.1850)
Date
1850-11-11
Page
Seite 638 (sequence 10)
Language
German
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638 ders gekonnt. Die Nacht schlief ich einmal wieder den gesunden Jugendschlaf. Ich habe nun schon von dem Ertrage meine kleinen Schulden bezahlt, esse wieder dreimal die Woche warm, habe ganze Sohlen unter den Füßen — Mutter, Mutter, wie glüdlid) ist Dein Sohn.... Aber welch' ein Babel! Es ist zum Todtlachen, und doch höchst interessant. Ein deutscher Jude tragt einem englischen Hochkirchler, der vielleicht einst Erzbischof von London ist, die Sprachen des alten Morgenlandes in der Sprache des alten Latiums vor, und mischt bald deutsche, bald englische Brocken hinein, um sich verständlich zu machen! ... O, Herzensmutter, lebe wohl. I\ S. Beiliegenden Flanell, liebe Mutter, habe ich durch einen Monat Religionsunterricht an die Kinder eines hiesigen Kleinhändlers, der mich nur durch Waaren bezahlen kann, erworben. Du wirst ihn brauchen können. Nächsten Monat kommt das Oberzeug dazu. 6. An Freund H. Den 18. Juni 183 ... Du fragst mich, Freund, um die Ziele an, die ich mir nun auf der Universität gesetzt habe; Du verlangst zu wissen, ob ich mir meinen Studienplan schon geordnet, und was des Pudels Kern dabei ist. Deine Frage kommt etwas früh, Dein Verlangen könnte mich in Versuchung führen, Dir blauen Dunst vorzumachen. Allein ich betrachte Dich vielmehr als meinen Sokrates, der geistigen Hebammendienst bei mir versieht; es giebt einen gewissen Instinkt, den man oft dann zur Stufe des Bewußtseins erhöht, wenn man von außen dazu gezwungen wird. Also will ich sie beantworten. Ueber die Studien walten, wie über alle menschlichen Dinge drei Götter: das Ideal, der Verstand und der Zufall. Ich habe sie so geordnet, die drei Mächte, weit sie auf diese Weise vom Weitesten zum Engern und Engsten führen, vom Allgemeinen zum Speziellen und Speziellsten. Das Ideal ist der warme Frühlingshauch, der das Eis der Wirklichkeit schmilzt, ihren starren Boden belebt, um die fruchtbaren Keime zu empfangen, die der Verstand hineinpflanzt, und denen zu reicher Entwickelung endlich der Segen des Zufalls oder der äußeren Ansioße, Veranlaffungen u. s. w. nothwendig ist. Das Ideal möchte die ganze Wissenschaft umfassen in all ihren Höhen und Tiefen; wie die Natur vor uns sich ausbreitet als eine unendliche Mannigfaltigkeit, die dennoch im strengsten, gegliederten Zusammenhänge der Einheit allein begriffen werden kann — so erscheint uns die Wissenschaft als eine armselige Fragmentensammlung, wenn wir nicht den Mittelpunkt derselben zu erreichen und dann all' ihre Radien zu verfolgen glauben können. Da tritt aber der beschrankende Verstand hinzu und sagt Dir: Du vermagst es nicht, und wenn Du über das hinausstrebst, was Du vermagst — so erreichst Du Nichts, Du verlierst auch das, was Du überwältigen könntest. Jedes Gebilde der Natur, ob es auch erst recht begriffen werden kann, wenn es in seiner Stellung zum Universum erkannt ist, macht doch auch ein so bestimmtes, in sich vollendetes Werk aus, daß es auch an sich schon ein Gegenstand der Erkenntniß ist. Und nun mögen die Beiden wirken und walten und sich um das Gleichgewicht streiten: zuletzt wird der Zufall, ein nicht vorhergesehener äußerer Anstoß, eine von außen her drängende Veranlassung ihr Machtgebot sprechen, und Du wirst Dich diesem unterwerfen, ehe Du es ahnst. Ich will Dir ein Beispiel an mir geben. Weißt Du, womit ich mich in diesen Tagen vielfach beschäftigt habe? Mit einer kleinen Abhandlung Lucian's: iog du ovyyQacfsiv rrjv laxoQiav, Lucians des Spötters ernsthafter, gediegener Abhandlung: wie man Geschichte schreiben müsse?... Und wieso? Du kennst meine dürftigen Verhältnisse; mein Verbleiben auf der Universität, die Lage meiner Familie machen es mir zur Nothwendigkeit, bald möglichst einige feste Existenzmittel zu erlangen. Ich muß Alles versuchen. Dabei möchte ich vor Allem mich des Unterrichtgebens entschlagen; denn ich fühle, wie mir dies meine besten Kräfte, meine beste Zeit raubt. Unter Anderm kam ich darauf, mich dem Prof. K., dem Geschichtsschreiber, zu empfehlen, mich bei ihm, einer so einflußreichen und humanen Persönlichkeit einzusühren. Ich arbeitete daher eine lateinische Abhandlung über die obige Schrift des witzigen Griechen aus, indem ich zugleich die sämmtlichen griechischen Geschichtsschreiber in ihren Leistungen mit den Forderungen Lucians verglich. Zu dem Ende habe ich vier Wochen darauf verwendet, diejenigen griechischen Historiker, die ich nur noch halb kannte, Thucydides und Plutarch, von den späteren sah ich ab, Tag und Nacht zu studiren.... Das war also Zufall, Anstoß von außen. Aber was hindert denn nun meinen Verstand, mir zu gebieten: den einmal begonnenen Stoff laß nicht fahren, ehe Du ihn nicht ziemlich vollendet hast; arbeite die alten Historiker sämmtlich tücktig durch, daß dieses interessante und wichtige Gebiet Dir vollständig eigen ist, denn Du hast dadurch einen

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