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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-11-11 · Heft 46 (11.11.1850) · p. Seite 637

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 46 (11.11.1850)
Date
1850-11-11
Page
Seite 637 (sequence 9)
Language
German
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637 Wir konnten zwar auch die Generalerlaffe a) über die Armenpflege der Israeliten und b) über die Verkeilung des Loosholzes an die israelitischen Einwohner des Herzogthums hier anführen; allein diese Verordnungen besitzen nach der vollendeten bürgerlichen Gleichstellung der Israeliten und deren Aufnahme in den Gemeindebürgecverband keine Gesetzeskraft mehr. Nach dieser kurzen Ueberst'cht der staatlichen Grundlagen zu den Kultus re formen hierländischer Israeliten, wovon spater wenigstens das die Religionsschule Betreffende in diesen Blättern veröffentlicht werden konnte, — kehren wir wieder zu unserm Gegenstände zurück. (Schluß folgt.) Belletristisches. Priese und Spaziergänge eines .jüdischen Studenten. (Fortsetzung aus No. K>.) 5. An seine Mutter. Den 1. Juli 183 ... In diesen Tagen hat sich die gütige Vorsehung wieder einmal recht sichtlich an mir bewährt. 'Ach, liebe Mutter, ich war in recht große Noth gerathen. Der Unterricht, den ich durch die Empfehlung des Prof. B. erhalten, hatte sich nicht gehalten. Es waren lockere Leute, die bald Ueberdruß am ernsten Studium bekamen, und die Sache fallen ließen. Damit waren denn alle Hilfsquellen versiegt, und ich konnte darauf rechnen, in vierzehn Tagen nicht mehr das trockne Brod bezahlen zu können, das ich mir schon rationsmäßig zuthcilte. Den Mittagstisch schuldete ich schon einen halben Monat, und wollte bei dem selbst unbemittelten Ehasan Nichts mehr aufsummen lassen, meine Stiefeln waren zerrissen, nur noch wenige Leibwäsche rein-mit welchem Herzen legte ich mich jeden Abend nieder! . . . Ich würde Dir dies verschweigen, wie ich es gethan — wenn nicht Gott geholfen hatte! Was würde aber Dank gegen Gott heißen, wenn nicht das Bewußtsein dessen, was er vollbracht, wie Er gerettet, so recht klar und voll zu machen! Ich finde eines Mittags auf meinem Tisch ein Billet mit der Aufforderung, zu einem hiesigen Gelehrten zu kommen, den ich kennen gelernt. Ich eile zur festgesetzten Zeit hin. „Sie sind Jude, also ein tüchtiger Hebräer^' redet er mich an. Ich lächelte, und meinte: darin läge in urjster Zeit keine konsequente Schlußfolgerung, auch möchte ich das Prädikat „tüchtig" nicht in Anspruch nehme», doch verstünde ich wol Etwas. — „Auch EhaldaisM" — Man will es jetzt nicht mehr so nennen. — „9h n gut, ein junger Engländer will die Elemente beider Sprachen hier erlernen, ich will Ihnen seine Adresse gebrn, lassen Sie es sich aber gut bezahlen." — Ich hätte der? Gelehrten, ich hätte die Adresse küssen mögen. Wie ich die Stiegen hinuntergekommen, weiß ich noch nicht, nie ich über die Straßen gekommen, auch das nicht. Ich sah mich plötzlich in einem der feinsten Hotels, in einem .herrlich möblicten Zimmer, einem Sohne Albions gegenüber. Es war ein großer, robuster, frischer Bursche von zw-.nizig Jahren, der, wie ich später erfuhr, eben von Italien mit seiner Mutter und seinem Bruder, der Medizin studier hatte, gekommen. Ich stellte mich ihm als von dein Herrn N. zum Unterricht im Hebräischen und EhaldLischeu Empfohlenen vor. „Ick nich versteh," war die Airtwort. Ich hob dieselbe Rede französisch an. Dieselbe Antwort, und die Frage: Spcak you english, Sir. „Xu, Sir," erwiderte ich kläglich, und sing als letztes Rettungsmittel ineine Rede in lateinischer Sprache zum dritten Male am Dies zog. Obgleich der Engländer das Latein in englischer Pconunziation spricht, so verstanden wir uns leicht. Und siehe da, was mich in meinem betrübten Gmrüthe schon niedergedrückt batte, war gerade dienlich. Er erklärte, es wäre ihm sehr lieb, daß ich kein Englische und er kein Französisch spräche, denn dadurch hatte er Gelegenheit, sich im Lateinischen wieder zu üben, und nebenbei das Deutsche zu erlernen. Genug, wir wurden einig. Ich gebe ihm täglich zwei Stunden Hebräisch u»b Ehaldaisch, und dafür zahlt er 1 \h Thaler. Welch' ein Glück! Zwar wird er nur drei Monate hier ven-ycileu, aber oa sammle ich mir genug, um mindestens »och drei Monate davon zu leben, und noch für Anderes zu sorgen. Zwar muß ich ein Lieblingskolleg dafür opsim, das zu der Zeit, die mein Nabob bestimmt Hot, fällt, indes so ein Kolleg kommt wieder, aber so ein hebräisch lernender Engländer nicht. Du kannst denken, theure Mutter, wie glücklich ich nach Hause zurückkehreU Die Stiegen zu meinem Thurmzimmerchen hinauf, und da — nein, nicht in den Stuhl, aus die Knieen niich geworfen, und meine Hände zum Himmel erhöbe« — ich glaube, wenn ich der ärgste Atheist war, ich hatte in diesem Augenblick nicht an- 46 *

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