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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-11-11 · Heft 46 (11.11.1850) · p. Seite 639

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 46 (11.11.1850)
Date
1850-11-11
Page
Seite 639 (sequence 11)
Language
German
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639 tiefem Einblick in elAen wichtigen Theil der Literaturgeschichte erworben? . . . Und ich folge dem Verstände. Mein Ideal sagt mir nun: Du darfst dabei nicht stehen bleiben; Du siehst, mit der Geschichtsschreibung fangt auch die eigentliche Geschichte an; die heilige Schrift ist ja in ihren meisten Theilen, selbst in den Propheten, zugleich Geschichtschreibung; Du mußt die Geschichtsschreibung in allen Literaturen durcharbeiten. . . . Halt! Das soll der Verstand erst überlegen, und werden die äußeren Verhältnisse mir dazu Raum gewähren?... Du wirst sagen, damit entschlüpfst Du mir nicht; darin erblicke ich noch keinen Plan, noch kein Ziel. Nun gut, Du Unbefriedigte, ich wollte Dir nur zeigen, wie es Einem auf dem Meere der Wissenschaft ergeht; darum hast Du doch Recht, darum darf das Schiff nicht ohne Steuer, Kompaß und Ziel sein. Was ich will? Du weißt, ich habe mich dem Dienste meiner Religion, dem Dienste ihrer Ideen gewidmet, nicht gerade daß ich das bestimmte jüdisch-theologische Fach, wie es im Leben begrenzt sich darstellt^ im Auge habe, sondern vielmehr das Judenthum an sich. Die Revolution, die man gewöhnlich die des JuLi 1830 bezeichnet, ist vorüber, und hat, wenn auch ihre besonderen politischen Wirkungen geordnet worden, doch für das Leben der europäischen Gesellschaft eine neue Bahn eröffnet, zwar nicht neu im Hinblick auf die Vergangenheit, aber nach längerem Rückschritt doch neu für idas gegenwärtige jüngeres Geschlecht. Der Kampf um bürgerliche Gleichstellung aller Konfessionen, innerlich als- Kampf um Gewissensfreiheit und Trennung des Staates von der Kirche zu verstehen, ist durch jene geweckt, Aussicht auf Sieg eröffnet worden. Diesen Kampf muß das Judenthum durchfechten. Damit ist aber auch iirnerlich für dasselbe eine neue Lebensfrage eröffnet. Es wäre Unsinn zu glauben, daß das Judenthum mit seinen mittelalterlichen Formen bei den emanzipirten Jaiden wird so verbleiben können; es kann dies einen langen Kampf kosten, es kann dies in diesem und jenem Landstrich, in dieser und jener Schicht der jüdischen Masse lange dauern, aber unausbleiblich ist es: das Judentum muß sich umgestalten, weil die Juden eine neue, m ihrer Geschichte noch nie dagewesene Weltstellung Verden erhalten haben. Neben und zum Theil wol nach dem Kampf um die bürgerliche Gleichstellung wird dieser innere Kampf der Umgestaltung vor sich gehen. Run? Wird das Judenthum dabei Experimenten unterworfen sein? wird es bald in diesem, bald in jenem Theirle Schiffbruch leiden? werden nicht tief-innerliche Züge des Judenthums dabei verwischt u>erden, die erhalten werden sollten? Wird überhaupt die Hingebung des Judenthums nicht zu weit gehen? Wird es nicht auch solchen spezifischen Inhalt der Allgemreinheit opfern, der niemals aus ihm schwinden sollte? Das sind Fragen, die nothwendig sich ergeben werden. ... Sieh, mein Freund! für alle diese Kämpfe des. Judenthums will ich mich als Mitstreiter vorbereiten, and der religiösen Ueberzeugung dienen, die mir in Geist and Herz lebt seit dem Erwachen meines Bewußtseins. Ist dies mein Ziel, so ist auch der Plan da. Vor Allem muß ich mich auf das Niveau der menschengeschlechtll chen Kultur Hinaufringen, „auf die Höhe der Zeit stellen", wie man das jetzt mit banaler Phrase nennt; vor Altem muß ich daher meine — klassische Bildung volleren, was man da so vollenden nennt. In dem Zusammentreffen des Judenthums mit der menschengeschlechtlrchen Kultur muß der, welcher mitreden, Mitwirken wilk die Letztere in sich ausgenommen haben. Die klassische Bildung ist es, welche unserm Stamme seit Jahrhunderten gefehlt hat: sie muß das Starre flüssig machen, chne Etwas von der kostbaren Mischung auf die Erde zu schütten, sie die neue Form modelliren, in die jene zu gießen ist, um neue Dauerhaftigkeit zu erlangen. Genügend ausgerüstet mit klassischer Bildung werde ich dann zurück in die Fluren der Altvodern steigen.... Da hast Du vorerst genug von mir.... (Fortsetzung folgt.) Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen IV4 Ngr. (1 -§Gr.) Gebühren für die gespaltene Ieile aus Petitschrift oder derenIlaum so wie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Verlagshandlur z. Bekanntmachung. In Folge der durch das Ableben des geistlichen Beamten Bernays, geehrten Andenkens, eingetretenen Vakanz, eröffnet die deutsch-israelitische Gemeinde in Hamburg hiemit eine Konkurrenz für die Besitzung des Amts eines More Zedek. Aspiranten, welche im Besitz des Diploms mnft rr&mn sind, haben sich bis zum 1. Januar 185k bei dem Vorsteherkollegium der genannten Gemeinde schriftlich zu melden, um die näheren Beikimmungen zu erfahren. Nur auf deutsche Bewerber kann Rücksicht genommen werden. Hamburg, im Oktober 1850.

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