Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1850)
- Date
- 1850-11-11
- Page
- Seite 630 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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630 kenntlich werden, daß ihr Dasein nicht bemerkt, ihr Werth nicht verstanden wird!' Und wie oft war dies in Israel? Ein Geist spricht: Schweige, denn Dein schwacher Odem vermag nicht anzublasen, was tief unter Asche verborgen liegt. Laß es ruhen, bis die Zeit, bis die Stunde kömmt, wo der Weltgeist wecket den er berufen. Und ein andrer Geist spricht: Es darf nicht still sein, nicht geschwiegen werden in Israel, sondern das Zeugniß darf nicht weichen vom Munde der Söhne und Sohnessöhne; darum sprich! Ein Geist spricht: wenn auch Stille herrscht in Israel, tief verborgen wirket und wirkt der schaffende Geist in Israel; nicht auf das Larmen nach außen kömmt es an, sondern was drinnen webt. Und ein andrer Geist spricht: Kennest Du die Wege der Vorsehung? siehst Du den Schneeflocken, der hinabrollend die Lauwine mit sich reißt? erspähst Du den Tropfen, der aus der Felsenspalte träufelt, und zur Quelle, und zum Bache, und zum großen, breiten Strome wird, der Schiffe tragt und Völker speist? Darum lasse Niemand die Hand sinken, der sie zu heben vermag, und halte das Wort nicht zurück, das er zu sprechen vermag. Und so sei es. Denn was Tausende nicht hören, vernehmen Hundert, und von den Hundert schließen es Zehn in ihr Herz, und von.Zehn sprechen Zween es weiter, und das ist des Segens genug in einer Zeit der Dürre und der Schwüle. . . . Geschichte und Vernunft. Ein Gespräch. (Schluß aus No. 35. 37. 4a.) A. Wir haben einen weiten Weg zurückgelcgt, machen wir uns dessen Erfolge klar. D. Ganz recht. Wir haben von vorn herein die beiden Momente als oft mit einander im Widerspruch erkannt: die Geschichte und die Individualität. Wir suchten deshalb uns die Bedeutung Beider klar zu machen. Wir sahen da, daß die In d i vid u alitat die Eigenthümlichkeit der Person sei, hervorgegangen aus der, durch die wesentlichsten, in Beispiel und Ereigniß beruhenden äußeren Einflüsse bewirkten Entwickelung der inneren Anlagen des Menschen. Es entging uns bei näherer Prüfung nicht, daß so die Individualität außerordentlich abhängig von diesen äußeren Einflüssen sei, daß diese der wesenhafteste Faktor der Individualität sei, die sich demselben auch während ihrer ganzen Existenz nicht entziehen kann. Die Geschichte aber ward uns als die fortlaufende, und dann fortschreitende Entwickelung immer aus der Vergangenheit heraus klar, so daß die Gegenwart stets als das Produkt jener angesehen werden muß. Es zeigte sich demnach, daß es gewisse Produkte der Geschichte der Menschheit giebt, welche durch die ganze Entwickelung der Menschheit in ihrem innersten Kerne dieselben st'no, und nur immer weiter durch- und ausgearbeitet werden. Hieraus ergab sich, daß die Individualität, als Erzeugnis der äußeren Einflüsse, die aber nur zeitlich, örtlich und zufällig sind, den allgemeinen Produkten der Geschichte gegenüber, als eben allgemeinen, durch alle Zeiten, Geschlechter, Völker fortschreitend reichenden, nur das Recht weiterer Verarbeitung, nicht aber der Leugnung und Vernichtung haben kann. Es versteht sich von selbst, daß hiermit nicht das Recht freier Aussprache dem Individuum abgesprochen werden soll, sondern nur, daß seine Aussprache nicht irgend eine Autorität und Dauerhaftigkeit wird beanspruchen können, sobald sie einem allgemeinen Produkt der Geschichte die Wahrheit abspricht. Die Geschichte selbst hat die Richtigkeit dieses unsers Resultates auch hinlänglich erwiesen, wenn wir auf das endliche Schicksal aller der Versuche der Individuen, die allgemeinen Produkte der Geschichte, die Geschichte in ihrer Grundlage zu vernichten, Hinblicken. Sie haben aus den Gang der Dinge in der Menschheit und die Geschichte des menschlichen Geistes stets nur einen sehr vorübergehenden Einfluß geübt, und sind dann als die Denkzeichen des individuellen Geistes, nicht aber des menschengeschlechtlichen stehen geblieben. A. Ich muß gestehen, daß mir durch unsere Besprechung der Boden unter den Füßen meiner Ueberzeugung wieder fester geworden ist. Wollen wir aber nicht noch zum Schluffe gerade auf die Stellung des Judenthums bei diesen Ansichten einige Blicke werfen? D. Ich bin es zufrieden. - A. Müßte man am Ende nicht das Judenthum als so etwas Individuelles ansehen, da es in einer bestimmten Zeit, Lokalität und Nation entstanden, noch heute an eine einzige Nation gebunden ist? §3. Sie hätten vollkommen Recht, wenn in der That der Inhalt des Judenthums sich hierbei beschränkt hätte. Ist aber nicht dieser Inhalt sowol im Allgemeinen, als im Besondern Ln die Menschenwelt cingedrungen, hat da