Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1850)
- Date
- 1850-11-04
- Page
- Seite 625 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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625 schämt" (Tann. 16.); noch weiter ist dies ausgeführt in dem Spruche: nssda »•^aiT' sbi tm i3aa W^ari'A ■»» T’i^a *py nössb v>N „wer sich vor Menschen schämt, aber nicht vor seiner Seele, legt seiner Seele keinen Werth bei" (Mus. Phil. II, 14.). Dukes führt hierzu einige spatere Sprüche an, die noch tiefer reichen. Schamhaftigkeit ist ein Theil des Glaubens; dieser ist schon gewichen, hat seinen wesentlichen Boden verloren, wenn die Scham vor dem Bösen geschwunden. In Mib. Pemn. heißt cs: rinrrn pbrivrma rvnaxi fiJiatcn niaan nrvran pbnDtt „Schamhaftigkeit und Glaube sind gepaart, weicht die eine, weichet auch die andre;" in Ben Ham. wehan.: VN ''El. — D-aiB^an •'» iNdtia ib«a bstia wia^w ■'a?v'3w"an „Wer sind die Frommen? Die Schamhafligen. Wer sind die Schamhaftigen? Wer sich var Gott so schämt, als wenn er (der Mensch) Ihn sähe." Belletristisches. Driefe und Spaziergänge eines jüdischen Studenten. l. An seine Mutter. Den 15. April 183... .... Wer eine so treue, geliebte Mutter zurückläßt, welche für die Stütze, die sie der Jugend gewesen, von der Jugend eine Stütze zu fordern hat, der kann die Hochschule nicht mit dem Hochgefühl betreten, das die Brust des neuen Jüngers der alma mater zu beseelen pflegt. Ihm kommt die mütterliche Hütte, aus der der Vater langst zur noch kleinern, ewigen getragen wurde, nicht aus der Erinnerung; und aus der Hütte tritt er hinaus, und blickt noch einmal durch die Fensterscheibe in das Zimmer, und sieht darin weinend die Mutter und die kleinen Geschwister sitzen, und noch einmal hebt er den Wanderstab in die Höhe, und winkt damit — dann ist er vorüber.... Und doch, liebe Mutter, wenn ich die Kampfe bedenke, die ich durchgekampft, bevor ich die Universität betreten konnte, wie ich durch das Gymnasium gelangte, wie ich es inmitten verlassen und durch eigene Studien das Zeugniß der Reife erwerben mußte: so will es mich wie ein schwellendes Gefühl des Sieges beschleichen, das nicht einmal vor dem Gedanken der Zukunft niedersinkt. Wie wir die Bürgschaft der Unsterblichkeit Ln dem am Meisten erblicken, was wir auf Erden erreichen, so dünkt mich kann dem, was ich hinter mir habe, auch das Weitere, das Vollenden gar nicht fehlen. Darum frisch-dran! ... Freilich, mit Nichts als dem Bescheid hochpreislichen Landeskollegiums, „daß die Stipendienfonds nicht für Juden zugänglich seiend in der Tasche, es sei denn, daß vom ersammelten Reisegelde noch einige Pfennige darin klimpern, fällt es etwas schwer, das Iriermium aeaäemieum vor sich zu haben noch ganz und gar ... dann aber denke ich, ich müßte doch konsequent sein, und weil die Taschen so leicht sein, müßte mir auch das Herz leicht sein, und dann denke ich, was Du von mir zu erwarten habest, und dann denke ich' „der alte Gott lebet noch", der bis hierher geholfen, und dann denke ich, die Menschen können doch am Ende auch nicht über einen solchen armen Jüngling hinaus, und darum noch einmal, frisch dran ... und so soll dieser Brief liegen bleiben, bis ich noch etwas Gutes hinzuj schreiben kann....! .... Das hat denn auch nicht lange auf sich war-! ten lassen, theure Mutterl Ich bin immatrikulirt, und als 8mllio8U8 philosophiae vom Dekan verpflichtet — so weit half Dein Nothpfennig aus. Ich habe meine Empfehlungsbriefe abgegeben, Professor B. hat mich freundlich ausgenommen, und nach einer kurzen Unterredung , mir schon zwei Unterrichtsstunden zugewiesen . . . also der Anfang ist gemacht. Nun aber, liebe Mutter, gehe sofort zum Bürgermeister, und erwirke mir ein testimonium paupertatis, d. h. ein Zeugniß, daß ich — arm bin, und Du arm, und mein Vater, so reich an Tugenden, arm war — die Menschen wollen das schwarz auf weiß haben — dann bekomme ich die Kollegin gestundet, d. h. ich brauche sie nicht eher zu bezahlen, als bis ich Etwas habe — Gott behüte den, der darauf warten müßte! O, lebe wohl.... 2. An dieselbe. Den 1. Mai 183 ... Heute, geliebte Mutter, vor Allem eine Beschreibung meiner Häuslichkeit. In einer ziemlich schmalen Gaffe! trittst Du in ein noch schmaleres Haus, durchschreitest die Flur, gelangst in einen kleinen Hof, steigst da eine Treppe in die Höhe, die Dich ein, zwei, drei, vier Stockwerke und dann noch einen Absatz hinausführt, wo Du ein weißes Quartblatt mit meinem Namen in großer Schrift 45*