Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1850)
- Date
- 1850-11-04
- Page
- Seite 624 (sequence 8)
- Language
- German
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«24 Abhandlungen verschiedenen Inhalts. Rabbiilische Sprnchwörter. In mehreren Nummern des vor. Jahrg., zuletzt in No. 51, wurden Sprüchwörter aus Talmudim und Midraschim zusammengesteltt, welche der Lebensweisheit einen großen Schatz enthielten, und zugleich durch das Charakteristische ihrer Form und Ausdrucksweise interessirten. Wir fahren jetzt damit fort, ohne weiter eine gewisse Ordnung zu verfolgen, als Zusammengehöriges zu vereinigen. Zm Talmud und Midrasch wird oft genug darauf aufmerksam gemacht, in welche Verworrenheit das Gewissen der Menschen gerathen kann, und wie oft der Maßstab, den der Mensch an die Beurtheilung seiner Handlungen legt, rein aus seiner Selbstsucht geholt ist. Charakteristisch ist in dieser Beziehung der Spruch: crpa 872bu>b 8WD2 8222b irrten (Sanhedr. 22, 1.) „Fehlt es dem Diebe an Gelegenheit zu stehlen, so halt er sich für ehrlich." Nichts natürlicher dem Menschen, als seine früheren Vergehungen zu vergessen, und sich über sie hinaus zu glauben; Nichts natürlicher dem Menschen, als seiner Tugend zuzuschreiben, was nur dem Mangel an Gelegenheit, an Veranlassung zuzuschreiben ist. Man stelle hier statt Dieb und stehlen jedes andere Laster und Vergehen, und der Talmud spricht eine allgemeine psychologische Wahrheit aus. Der Mangel an Veranlassung einerseits und die großen Nachtheile, die oft aus einer schlimmen Handlung hervorgehen, andrerseits, sind die stärksten Hebel — tugendhaft zu bleiben. Einen noch liefern Blick in die moralische Verwirrung des Menschen laßt uns folgender Spruch werfen: (Berach. 63.) 8,'ip 827211 8ninn72 viO8 ans* „Der Dieb ruft selbst beim Einbruch den Allbarmherzigen an", daß er ihm sein Werk gelingen lasse, daß er ihn vor Entdeckung schütze, daß er die Früchte ihn genießen lasse! Welch' eine Verdunkelung des Gewissens, welche Verwirrung der Begriffe — und doch findet sie statt.-‘ Die Talmudisten hegen eine sehr hohe Achtung vor der „öffentlichen Meinung". Sie drücken dies geradezu so aus: ri82b -pi2 8inw "pia nnnn n82b üi8 -pis öipwn 'T „Der Mensch muß ebenso rein vor den Menschen wie vor Gott zu erscheinen suchen." (Jerusch. Schekal. 6.) Es genügt also das Selbstbewußtsein nicht — wie leicht irrt dies auch — gegen erhobene Anschuldigung muß man sich rechtfertigen; was uns in ein falsches Licht stellen kann, muß man zu vermeiden suchen; Niemand setzt sich ungestraft über die öffentliche Meinung hinaus. Daß man der öffentlichen Meinung sogar mehr zutcauen muß, als seinem eignen Urtheil, drücken sie höchst charakteristisch aus: -jb T29 pin ab -wni T™ w 1728 ^27211D „Sagt zu Dir Einer: du hast Eselsohren, so kümmre Dich nicht darum, sagen es zwei zu Dir, so lege Dir einen Sattel auf." (Jalkut Lech Lecha 9.) mra “paab 8228 81721 -pan „Nennen Dich Deine Genossen einen Esel, so lege Dir einen Halfter auf." (B. Kam. 92. 2.) D. h. so glaube es ihnen, so halte Dich selbst für unklug. Die „Zwei" im ersten Satze bezeichnen die öffentliche Meinung; die „Genossen" die von keiner besondern Gehässigkeit Bestochenen. — — Die Talmudisten kennen denStolz in seiner ganzen Unlrebenswürdigkeit. 12328 b9 ib^BK im72l 1872 bap^ö nb mma „Der Stolze ist selbst bei seinen Hausleuten nicht wohlgelitten" (B. bath 98.), denn er wird diese oft hart, übermüthig behandeln. Aber er quält sich auch selbst: mi ib*>£)8 min mos ia «mo tn« b2 ini2i9 8972p „Jeder, in welchem ein stolzer Sinn, wird selbst vom kleinsten Wind gekrankt" (Sot. 5. 1.); ihn verletzt das Geringste, was seiner stolzen Meinung nicht gemäß erscheint; er ist empfindlich, reizbar. Sehr treffend sagen sie nämlich: min mDä 12 218 b2 nit mi29 1212 ib82 „Jeder, in welchem ein stolzer Sinn, ist wie ein Götzendiener" (ebendas.), ec betet sich selbst an, in seines Geistes Schrein hat er ein Idol aufgestellt, vor dem er Weihrauch spendet — das ist sein liebes Selbst.- In sehr hoher Schätzung steht bei den Talmudisten die Schamhaftigkeit. 12312 81312- 2182 212 imö „Es ist ein gutes Zeichen für den Menschen, wenn er schamhaft ist." (Jalk. Jirm. 276.) 8b tö^anön b2 8211 8in mn?:2 „Jeder, wer schamhaft ist, sündigt nicht sobald" (Nedar. 20. 1.), denn die Scham halt ihn zurück. Sie fordern aber dabei allerdings, daß die Scham nicht blos vor anderen Menschen stattsinde, sondern in gleicher Kraft vor sich selbst. Sie sagen: 17211 W8 tnin«fc ttmanwb 122972 um2n72, „wer sich vor sich selbst schämt, gleicht nicht dem, der sich vor Anderen