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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-11-04 · Heft 45 (4.11.1850) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 45 (4.11.1850)
Date
1850-11-04
Page
Seite 622 (sequence 6)
Language
German
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622 chem Uebermaß von Kummer und Sorge man von der zunehmenden Todesgefahr unterrichtet und sich in jeder Gemeinde aus eigner Bewegung zum Beten und Herzcnsergießungen angetrieben fand; mit welchem tiefen, unermeßlichen Schmerz und Schrecken die Todesnachricht alle Herzen ohne Ausnahme erfüllte; wie i» dem sonst so lebhaften und regsamen Brüssel auf einmal aller Verkehr, Handel und Gewerbe wie mit einer Zauberruthe berührt und bewegungslos gemacht wurden, und man kaum bewußt war, wen man am Ersten oder Meisten wegen des erlittenen Verlustes zu bedauern habe, den fürstlichen Gemahl, der für sein Land und seine Mitbürger Alles ist und mit seiner Gattin Alles verloren hat, die zarten Sprossen des königlichen Geblütes, deren ältester kaum das vierzehnte Jahr zurückgelegt, die hochgefeierte, in der Schule des Unglücks wie des Glücks als Tugendmuster erprobten Mutter, Wittwe des noch erst kürzlich im Exil verstorbenen Königs der Franzosen, die sammt den meisten ihrer würdigen Söhne und Töchter aus England herübergeeilt war, um die geliebte Tochter und Schwester zu besuchen und — begraben zu sehen, oder die tausend Armen, Kranken, Wittwen und Waisen, welche ihre fast ganze und einzige Stütze in solcher kurzen Frist dahin schwinden sahen. Dies Alles, wie gesagt, setze ich als den meisten Ihrer Leser bekannt voraus, weil ich mich sonst unfähig fühlen würde ein nur einigermaßen treues wenn auch nur schwaches Bild zu malen. Bei der absoluten Unabhängigkeit aller geistlichen und kirchlichen Angelegenheiten von der Staatsbehörde, welche, wo ein ofsizieller AktuS dabei zu verrichten ist, lediglich ihre Sorge auf das Lokal zu beschränken hat, das ihr die Metropolitan oder hiesige Hauptkirche darbietet, blieb es den sogenannten Dissentirenden, worunter sowol die protestantische und anglikanische als die jüdische Gemeinde verstanden werden, überlassen, ob und welchen Tag sie für eine Todtenfeier bestimmen wollten, und sämmtlich wählten sie dazu den Sonntag, 20., während die offizielle Feier auf nächsten Donnerstag den 24. festgesetzt worden. Die früher gebräuchliche Todtenfeier für Privatmitgliedcr der Gemeinde, zu welchem Ende eigends verfertigte Choralgesänge in der Sammlung nibnn iTS) (Ilymnes et Cantiqucs) ausgenommen wurden, waren indessen unter dem jetzigen Rabbinate ganz in Unbrauch gekommen und dahingegen eine Art feierlicher Seelenmesse, nwir, nach dem Modell derjenigen von Auerbach in Berlin, in hebräischer und französischer Sprache, mit einer bei den sphardischen Gemeinden üblichen N22«!7, auf jeden Jom Kippur nach dem Mussafgebete eingesetzt. Obschon nun sämmtliche Gemeindcmitglieder mittelst Zirkularschreiben vom Vorstand gegen heute zur Mittagstunde zur Abhaltung einer gottesdienstlichen Trauerfeier eingcladen waren, glaubte sich doch Niemand berechtigt, sich, in Erwägung der kurzen Zeit und des engen Raumes worüber zu disponiren war, etwas Außerordentliches in dieser Hinsicht vorzustellen. Um so mehr war ich und gewiß Jeder mit mir auf's Angenehmste — insofern dies Wort in specie gebraucht werden darf — überrascht, als ich in den Betsaal trat, welches, obschon ich noch vor der anberaumten Zeit angekommen, wegen der außerordentlichen Menge Besucher, nicht ohne Mühe geschah. Alle vier Wände des Saales waren von oben bis unten mit schwarzen, weiß unterlegten und mit Thränen übersäeten Vorhängen bekleidet. Anstatt der gewöhnlichen Kanzel sah man ein auf der obersten Stufe vor der heiligen Lade improvisirtes und so wie diese geschmackvoll in Trauer gehülltes Rednerpult und etwas mehr vorwärts ein einfacheres für den Vorbeter angebracht, während der sogenannte Almemor unbenutzt im Schatten blieb. Mehre hundert Wachslichter erhellten den Raum, jedoch unbeschadet der dem Zweck angemessenen düstern Stimmung des Ganzen, und dieser Raum war, wie dies bei allen außerordentlichen Feierlichkeiten der Fall ist, zur einen Seite von allen Gemcindemitgliedcrn ohne Rangverschiedenheit und zur andern von Damen besetzt, und da im Ganzen genommen keine Absicht von Ostentation vorwaltete, waren nur wenige Fremde aus anderen Glaubensgenossenschaften und noch weniger Honoratioren eingeladen. Daß aber die meisten, wo nicht alle israelitische Einwohner Brüssels, worunter mehre, die bedeutende Staats- und Munizipalämter bekleiden, Konsuls auswärtiger Mächte, Bankdirektoren, Richter am Handelstribunal, bei der Universität und am Gymnasium angcstellte Professoren, Advokaten, Aerzte, Künstler u. f. w., durch ihre Gegenwart ihre Theilnahme an der Feierlichkeit bezeigten und ihr die echte Bedeutung gaben, braucht nicht gesagt zu werden. Zur bestimmten Stunde besetzte Herr Kohn als Vorbeter seine Stelle, vom ganzen Personal der Cho-

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