Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1850)
- Date
- 1850-11-04
- Page
- Seite 619 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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619 ähnlichen Prozessen, wie der in Rede stehende, immer noch aus der Rüstkammer des alten Landrechts ihre Waffen herholen, um mit denselben gegen die Emanzipation fechten zu können. Oder ist es erlaubt, ist es vielleicht juristischer Usus, um der Vertheidigung seines Klienten willen seiner eigenen Ueberzeugung untreu zu werden? ist es Usus, um ein juristisches Kunststückchen zeigen zu können, die verbrieften Rechte eines ganzen Volkes zu ignoriren, eines Volkes, dessen eigne Schuld es wahrlich! nicht gewesen, daß es diese Rechte bis vor zwei Jahren nicht genossen? — Bitte um Belehrung! Weil wir aber einmal auf das Feld der Emanzipation gekommen, so sei es mir noch gestattet, hier zu bemerken, daß dieselbe hier im Gypßherzogthum gar noch Vielen unserer christlichen Mitbrüder, Deutschen nicht minder als Polen, ein Dorn im Auge ist. Der Pole gönnt uns die Emanzipation nicht, weil wir im Frühjahr 1848 mit ihm nicht gemeinsame Sache gemacht; der Deutsche mißgönnt sie uns, weil — nun weil der Zopf ihn drückt. — O Zopf, du uraltes deutfches Gewächs, du bist doch ein unverwüstlich Ding, du bist unvcrtilgbar! Wie viel Scheeren und Messer haben nicht schon an deiner Wurzel geblitzt! wie bist du nicht hin und her gezerrt worden! wie hat man dich nicht zerzaust und auseinandergerissen! wie oft hat man dich nicht zur Erde gezogen und in den Staub getreten! wie bist du nicht schon unter den Trümmern morscher Sisteme begraben worden! Und doch wußtest du dich immer wieder aufzuraffen, aus Schutt und Moder hervorzuarbeiten und zu neuem Leben, zu neuer Kraft zu gelangen! Im Frühjahr 1848, da war Alles auf einmal wie umgewandelt! Da hätten Sie sehen sollen, wie man uns brüderlich die Hände reichte, wie man mit uns liebäugelte, und von Allem in der Welt, nur von keinem Unterschied zwischen Mensch und Mensch wissen wollte. Unsere Väter und Großväter warnten damals schon, sprechend: „Trauet nicht, die Metamorphose war zu schnell!" Und leider hatten sie Recht, die Alten. Aus der Provinz Pofen, 22. Oktober. (Privatmitth.) Vor acht Tagen hat Preußen den Geburtstag seines Königs gefeiert. Auch die Juden unserer Provinz sind nicht zurückgeblieben, sie haben durch mancherlei Demonstrationen zu erkennen gcge- * den, daß sie mit aufrichtiger Liebe hangen an ihrem Landesvater, und daß der Tag der Geburt desselben für sie sei ein hohes Fest, ein Tag der allgemeinen Freude. In vielen Gemeinden ist öffentlicher F estg o tt es dienst abgehalten worden. Wir erwähnen namentlich Gnesen, woselbst in der großen Synagoge, nach Absingung einer Festkantate durch den wohlgeübten Chor, der Prediger Herr Dr. Gebhardt einen auf die Wichtigkeit des Tages Bezug habenden Vortrag gehalten, der sich eines ebenso starken Auditoriums als allgemeinen Beifalls zu erfreuen gehabt. Auch viele jüdische Schulen haben den Tag festlich begangen. Aus dem Städtchen Wittkowo vernehmen wir, daß in de» dasigen israelitischen Elementarschule der 15. Oktober des Vormittags durch Festrede und Gesang u»dAbends durch G esang und Illumination sehr würdig gefeiert worden. Aehnliches erfahren wir aus Schwerin a. d. W., Mescritz, Kempen, Rawicz, Schmiiegel und noch mehreren anderen Städten des Großherzogthums. Wir haben für diesmal nur noch mitzutheilen, daß man in Posen wieder Hoffnung hat, Herrn S. Egcr als Seelsorger zu behalten, daß das vakante Rabbinat zu Fordon durch den Rabbiner unk Prediger Liepschütz aus Landsberg a. d. W. besetzt werden soll; ferner, daß man auch in Bromberg wieder daran denkt, sich zur Gemeinde zu konstituiren und einen Prediger aufzunehmen. Oesterreichischer Kaiserftaat. Pesth, im Oktober, Der Herr Ministerialkommissar v. Koller hat, wie der „Spiegel" meldet, an den Vorstand des israelischen Komitds für die Toleranztaxadrepartition, Herrn I. H. Kassovitz, ein Schreiben bezüglich des kaiserlichen Erlasses, den Nachlaß der Strafkontribution mnd einen von den Israeliten in Ungarn, in der serbischen Wojwodschaft und in dem temescher Bezirke z,u kreirenden Fonds von einer Million inK.M.zur Förderung israelitischer Schul- und Unterrichtsangelege-legenheiten betreffend, erlassen. Außer den bekannten Bestimmungen wird anbefohlen, daß das bereits bestehende Komilü in Pesth die Pauschalauflagen an die Gemeinden, diese aber an die zuständigen Familien unt> Individuen, und zwar bis Ende November dieses Jahres zu machen haben. Es wird eine gleiche Anzahl von Repräsentanten der israelitischen Landesgemcind en diesem Komilö beigegeben,