Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1850)
- Date
- 1850-10-28
- Page
- Seite 614 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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614 schreckt vor einem Abgrunde, den er nicht erwartete. Trostlos irrt er nun am Rande desselben umher und stößt aus tausend Klippen. Mit der Zeit stellen sich auch einige Unannehmlichkeiten mit der Gemeinve heraus, dann kömmt auch der Herr Inspektor mit einigen Zurechtweisungen, man wird bitter, da man alle seine Illusionen in Wind zerstäuben sieht! Das ist nun die gefährlichste Klippe, an welcher schon so manche Lehrer mit den schönsten Anlagen und dem besten Willen gescheitert sind. Dem Zöglinge eines Seminars bleiben dieselben freilich fremd; denn unter der Leitung erfahrner Lehrer hat er zwei oder drei Jahre Kinder bereits unterrichtet, er weiß was er von ihnen zu erwarten hat, daß alle dis „Schreiber am grünen Tische" nutzlos sind, wenn eigne praktische Bildung, Forschung, Erfahrung nicht zu Hilfe kommen; ihm schwinden keine Ideale, denn er hat nie welche gehabt, eine Auswahl der Gegenstände und eine Sichtung desselben macht ihm bei dem geringen Maße von Kenntnissen keine Sorge und so steuert er ruhig in dem einmal ausgestecktcn Gleise mit seinem kleinen Kahne jahraus, jahrein, stromauf unv stromabwärts! Letzterm Verfahren wollen wir keineswegs das Wort reden, der Lehrer muß ein höheres Wissen besitzen und soll keine todte, nachaffende Maschine sein, er soll selbstständig urtheilen und wählen können! Aber dazu muß er Anleitung erhalten; denn da dies eine Fähigkeit ist, die auf Erfahrung beruht, so kann man sie von einem angehenden Pädagogen nicht fordern, oder vielweniger sie ihm erst nur Kosten des zu Unterrichtenden machen lassen. Sonst eilt er Klippen zu, an denen, wie oben bemerkt, so Mancher gescheitert! Der eine Theil wird verzweifelt, giebt Alles aus, betrachtet sein bisheriges Streben als eine verfehlte Karriere, sein Amt als eine Last, der er sich sobald als möglich zu entziehen wünscht, weil er das nicht gefunden, was er erwartet. Sein Schiff ist gänzlich gescheitert und er vermag sich nicht aufzuraffen, die Trümmer zu sammeln, um dann dieselben durch die Kraft der Erfahrung erst recht zu einem tüchtigen Fahrzeuge zu machen! Ein zweiter Theil fangt an, mit der Zerstörung seiner Illusionen dem Amte eine ganz andere Seite abzugewinnen, nämlich die materielle. Er wirst alle Bücher über den Haufen, richtet sich's so gut er kann ein, macht sich keinen großen Kummer ob der oder jener Methode, laßt Denzel und Diesterweg schwatzen und wird — Geschäftsj mann! Er ist sehr zufrieden, wenn die Kuh nur recht! viel Milch giebt. Er unterrichtet auch gewiffenhaft die festgesetzte Zeit, aber ohne Leben und Geist! Recht bald bleibt er hinter dem Gang der Pädagogik, um die er sich nicht mehr kümmert, zurück, und wird ein veralteter Schulmeister — oder besser Handelsmann! Rur ein kleiner dritter Theil gewinnt Muth und Fassung nach dem Schiffbruche wieder, er schaut Allem klar in's Auge, fangt zu begreifen an, daß die Sache ganz anders werden muß, daß er bei allen Studien das wichtigste derselben vergessen, nämlich — die Erfahrung, das Buch der Schule und des kindlichen Geistes! Neue Offenbarungen geschehen ihm da, die Bücher sind ihm nur freundliche Rathgeber und gar bald erreicht er die Höhe, von welcher aus er alle Wege seines Unterrichts anlegen und fortführen kann. Und, — zum Tröste sei es gesagt — er sieht es auch bald, daß er sich nicht ganz getäuscht, daß die Freuden des Lehrstandes zu erzielen sind, wenn man nur den rechten Weg einschlagt, und wird es auch ein Mal ein Bischen sauer und schwer und stürmen von außen so manche Leiden ein — er findet einen reichen Schatz von Selbstbewußtsein in sich selbst und — ein Blick nach oben stärkt und kräftigt ihn. Seines hohen Berufes sich bewußt, dringt er muthig vorwärts und das Licht des Himmels beleuchtet seinen Pfad! Möge ein freundliches Geschick alle von der Regierung vergessenen und übersehenen Lehrer durch alle Klippen auf diese Bahn des Verdienstes und der Ruhe führen! *) (Fortsetz ung folgt.) Korrespondenz. Potsdam, 1. Oktober. Gemeinde. So wie in vielen Gemeinden, ist auch in der Unsrigen in neuerer Zeit ein frischer, lebenskräftiger Geist erwacht, der die Gleichgiltigkeit, mit der auch hier Alles, was das Gemeinwesen betraf, behandelt wurde, aus unseren Mauern verbannte, so daß wir nicht mehr Anstand zu nehmen brauchen, auch einmal ein Lebenszeichen von uns zu ge- *) Man wird von selbst hier auf die Nothwmdigkeit eines jüdischen Seminars Hierselbst geführt. Ein Korrespondent dieses Blattes (W.) hat die'e Frage bereits! angeregt. Weil dieselbe aber nicht genugsam erschöpft j ist, so kommen wir selbst spater noch daraus zurück!! Korresp.