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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-10-28 · Heft 44 (28.10.1850) · p. Seite 613

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 44 (28.10.1850)
Date
1850-10-28
Page
Seite 613 (sequence 13)
Language
German
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613 kultat mit Wind und streut mitunter einige Brosamen,? die vom Tische der Hochgelehrten falten, hinein. Man sehe die Bücher der Semmarien, man sehe das Programm an, welches eine Konferenz von Seminardirektoren in Berlin aufgestellt hat und man wird uns nicht widersprechen. Freilich, erhöhetes Wissen verbreitet Aufklärung, insonders beim Lehrerstande, und — wer im j Dunkel seine Rechnung findet, wird sich wol hüten, dasselbe durch das Sonnenlicht zu erhellen! Das sieht der jüdische Kandidat gar bald, legt also allein Hand an! Allein wo? Aufs Gerathewol muß j zugegriffen und sich gebildet werden. Es ist keine lei-! tende Hand, die durch das Labirinth der pädagogischen! Bücherwelt leitet. Aber er hat ja Diestenveg und Schwarz,! Scholz und Wurst, Becker und Dinter, Denzel und j Graser, Weiter und Volger nennen gehört, und „er wirft! sich hinein in die brausende Fluth! Da wird in buntem Gemische durcheinander gelesen und eingearbeitet, denn der Wille ist gut und stark, bald wird der Kopf gefüllt mit pädagogischen Phrasen und Wörtern, Methodik und Didaktik nach allen Richtungen durchlaufen, gerechnet und gelesen nach der Methode, Geographie und Geschichte nach jener, Sprache nach einer dritten, und so in einem endlosen Gewirre fort. Und hat man dann so ein Jahr lang gearbeitet, so sieht man nach, ob man auch alles Erforderliche hat, ob richtig, ob falsch, woher das wissen? Man meldet sich zitternd zur Prüfung. Der Tag erscheint. Zitternd und Angst im Herzen betritt man das Seminar; was man bisher im stillen Heiligthume der Dachkammer, im Allerheiligsten seines Kopfes aufgeschichtet hat, es soll jetzt hervortreten an's Tageslicht und vor wem? — vor einem Seminarlehrerpersonale, einem Regierungsrathe u. s. w. Man beginnt, womit? — natürlich mit Religion! Aber wer wird einen Juden um die Religion fragen, dieser Gegenstand ist bl'os für sie wichtig, für den Juden bleibt si'ch's gleich, ob er wissen wird, die ihm anzuvertrauende Jugend in dies Heiligthum zu führen. Oder man prüft vielleicht den Juden deshalb nicht darin, weil man weiß, daß seine Religion eine bereits sehr hart geprüfte ist. Dann folgen die Wissenschaften und mit Staunen sieht da der Kandidat, wie hoch er sich verstiegen, was er da Alles zuviel gelernt hat, und wie man da nach Kleinlichkeiten fragt, die er kaum des Lernens werth hielt und in Folge dessen oft nicht weiß! er erinnert sich wol auch noch, daß er ähnliche Fragen bereits in feiner Elementarschule beantwortet und muß sich wundern, hiernach die Fähigkeit eines Lehrers bemessen zu sehen. Endlich gelangt man an die Katechesationen. Aber woher sollte man sie kennen, Gelegenheit zu praktischen Uebungen ist niemals geboten worden, und dazu werden sie noch einer so strengen Kritik von Sachverständigen unterworfen und hängt von ihrem Urtheile auch der Ausspruch der Reife ab. Aber der Jude muß Alles köivnen von selbst! Glücklich endlich das Zeugniß Uc Reife, und wenn man Gunst gesunden gar No. 2, mls die höchste Stufe, die den Israeliten erreichbar war, erlangt zu haben, sorgt man, sobald als möglich aus der ad gängigen, drückenden Lage zu kommen und sucht eine Anstellung. Große Ideen von edlem Berufe, von der Besserung und Veredlung des Menschengeschlechts, von einer Anerkennung Seitens der Behörden, des großen Dankes der Gemeinden u. s. w. tragt der angehende Lehrer in seire neue Stelle, bald schifft er, beladen mit einer Masse von Wissen und Namen in die Schute, alle seine Maschinen setzt er in Bewegung, das ganze Geschütz seiner feurigen Sprache laßt er aus die arme Jugend spielen, Wurst giebt seine hohlen Bomben, Scholz muß herhalten mit seinen scharfsinnigen Rechenoperationen, dann fliegt er mit Schneider oder Volger auf der ganzen Erde umher und hetzt die Jugend immer vorwärts, dann werden mit Diesterweg alle Himmel durchmessen und alle Sterne betreten, mit Welker fahrt man pfeilschnell in di« Abgründe der Vergangenheit, und endlich führt man mit Johlsohn große, warme Reden über die Religion! Anfangs geht Alles sehr gut, die Kinder, theils durch die Neuheit erregt, theils auch in Schrecken gesetzt, sitzen mäuschenstill, passen sehr gut auf, alle Befehle, die der neue Feldherr giebt, werden von der kleinen Armee auf's Pünktlichste ausgeführt. Mit großer Genugthuung schließt inan den Tag, befriedigt sucht man die Ruhe, und kaum den Morgen kaum erwarten, wo die Schlacht auf's Neue beginnen soll. So gehen 3 — 4 Wochen in den besten Aussichten fort. Endlich denkt der Lehrer: Ich habe sch^u so viel mit meinen Kindern durchgenommen, jetzt muß ich auch wiederholen: er zweifelt nicht einen Augenblick, daß die Kinder Alles aufs Beste wissen werden. Aber Milche Täuschung, Alles ist bereits vergessen, durch das unaufhörliche Jagen hat das Kind schon jeden Ausgangspunkt verloren, allenfalls hat es einige Leichte Phrasen und Schlagwörter behalten und sprudelt mit ihnen bei de» ersten Frage umher. Der Gehorsam wird mit der Gewohnheit an diesem Lehrer auch lauer, die Aufmerksamkei t schwindet mit dem Reize der Neuheit und so steht der: junge Pädagoge er-

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