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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-10-28 · Heft 44 (28.10.1850) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 44 (28.10.1850)
Date
1850-10-28
Page
Seite 615 (sequence 15)
Language
German
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615 den. — Wie haben diese rasche Umgestaltung unserer Verhältnisse einerseits der ebenso raschen Vergrößerung der Gemeinde zu verdanken, die vor etwa 15 Jahren kaum mehr als ein Minjan, jetzt aber bereits 60 Familien zahlt; andererseits ist es nicht zu verkennen, daß die Nahe Berlins, welches seit der Anstellung des Dr. Sachs und der Begründung der Reform wieder die Aufmerksamkeit auf sich zog, auch hier auf die Gemüther so influirte, daß man anfing Theil zu nehmen an allen Zeitfragcn. Man hatte ein Interesse genommen sür's Judenrhum und fühlte darum auch das Bedürfnis nach einer Predigt, nach einem guten Schulunterricht. Wer hätte je daran gedacht, daß Potsdam oder Brandenburg ihre Prediger haben würden? Jetzt aber haben sie Prediger, haben Religionsschulen,Alles in der schönsten Blüte, wenngleich noch Manches zu verbessern übrig bleibt. Wir behalten es uns vor, die Schattenseiten an unserm Gemeindeleben ein ander Mal aufzudecken; heute wollen wir die Fortschritte zeichnen, die wir gemacht. Also die Gemeinde hat einen Prediger in der Person des Herrn Dr. Apolant. Es handelte sich bei seiner Anstellung nicht nur darum, einen guten Redner, sondern auch einen Schulmann zu gewinnen, der im Stande wäre, selbstständig eine Schule zu leiten, und die Gemeinde hat sich in ihrer Wahl nicht getäuscht. Herr Dr. Äpotant hat in dem Jahre seiner amtlichen Wirksamkeit eine gediegene Beredtsamkeit entwickelt, so daß er dadurch nicht nur ein größeres Interesse für das jüdische Leben bei unseren Glaubensgenossen erweckte, sondern auch die Aufmerksamkeit Anderer in hohem Grade aus sich zog. Es ist bereits oft vorgekommen, daß Christen, selbst aus hohen Ständen, seinen Predigten beiwohnten und das günstigste Unheil über ihn aussprachen. Ich erwähne dies nur deshalb, weil man auch hier noch sich nicht dazu hat erheben können, Etwas auf das eigne Urtheil zu geben, und man gewissermaßen stolz ist, wenn fremde Glaubensgenossen Etwas für gut finden. So haben wir unfern Prediger namentlich in den jüngst verflossenen Feiertagen mit einer wahren Begeisterung sprechen hören, und wir waren erfreut über das einstimmige Lob, das ihm von allen Seiten gespendet wurde. Ganz ebenso erfreulich sind seine Leistungen auf dem Gebiete des Schulwesens. Wir hatten am 23. v. M. bereits zum zweiten Male die Gelegenheit, dies in einer öffentlichen Prüfung wahrzunehmen. Man denke sich eine Schule, wie er sie überkam. Nichts weiter als ein sogenanntes Cheder nach altem Schnitt, in dem man zwar schreien und lärmen, aber Nichts lernen konnte, und vergleiche sie damit in ihrem jetzigen Zustande, da sie den Namen Religionsschule führti, wozu sie auch vollständig berechtigt ist, dann wird n%m ihrem Leiter alle Anerkennung zollen. Die Schule hatte bei ihrer EröInnng 2 Klassen, jetzt 3, von denen die erste wieder in ei«e Knaben- und eine Mädchenklasse getheilt ist. Die Schulstunden betragen wöchentlich 14, die Herr Dr. Apolant freiwillig auf 16 erhöht hat, obwol er auch so schon ia angestrengter Thätigkeit ist, da er ganz allein den Unterricht ertheilt. Bei der oben erwähnten Prüfung zeigten die Kinder eine Fertigkeit und Gründlichkeit in den einzelnen Lehrgegenständen, die den Eltern zum Stolz gereichten und bem Publikum eine herzliche Freude bereiteten; ganz besonders trat dies in der Madchenklasse I und in der zweiten Klaffe hervor, die aus Kindern von emn 10 Jahren besteht. Man überzeugt sich, daß die Grundsätze der neuern Pädagogik auch auf dem Boden der jüdischen Elementarwiffenschaften ihre Früchte tragen. Wie dieses ehrenhafte Streben unfers Predigers von der Gemeinde anerkannt wird, sehen wir in der Achtung m i> Liebe, die ihm von allen Seiten gezollt wird. Eine klüftige Stütze findet er auf diesem Gebiete in der Schulk-)mmission, bestehend aus den Herren M. Rosenthal uirb M. I. Cohn, zu denen bis vor Kurzem auch Herr D. L. Jacobi gehörte. Es gingen diese Männer stets voinrr, wo es galt eine Verbesserung unserer Gemeindeverhiltnisse zu erzielen, sie haben der guten Sache schon maiZches Opfer gebracht, und noch heute scheuen sie wedel Mühe noch Kosten, um eingewurzelte Mißbrauche zu beseitigen. Mögen sie sortfahren, ebendenselben guten Wilüm und dieselbe Energie auch fernerhin zu zeigen, namentlich iusofern es die Schute betrifft, da die Zahl der Zöglinge in diesem Semester wieder bedeutend gestiegen, und fomit dem Herrn Dr. Apolant eine größere Last aufgebürdet vorden ist. Nur den vereinten Bemühungen Aller ist es vnöglich, ein günstiges Resultat bei der Jugend zu erzielen. Für die Gemeinde aber habe ich nur den Wunsch, es möge ihr vergönnt sein, ihren Prediger noch lange iit ihrer Mitte wirken zu sehen, und wir schmeicheln uns um so mehr mit dieser Hoffnung, als derselbe die gliche Absicht zu haben scheint, da er im Begriffe steht, imn hiesigen Orte ein Pensionat für Knaben zu eröffnen. Bei den vortrefflichen Unterrichtsanstalten hieselbst, und bei der gewissenhaften Fürsorge, die Herr Du. 'Apolant für seine Zöglinge hegt, laßt sich erwarten, daß ihm dieses Vorhaben glücklich von

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