Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1850)
- Date
- 1850-10-28
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
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612 wir hier aber von der Wirkung auf die Ursache zurückgehen, so geschieht dies blos deshalb, um all die Schwierigkeiten darzulegen, welche dieser Ursache im Wege stehen, ehe sie die Wirksamkeit entfalten konnte, mit deren Bemessung wir es hier zu thun haben, woraus dann die rechte Würdigung des Gegenwärtigen zu erzielen ist. Wir werfen daher einen prüfenden Blick auf all die Mittel und Wege, welche dem jüdischen Schulamtskandidaten bisher bei uns eröffnet waren, um die nöthige Reife zu erlangen, und auf all die tausend Schwierigkeiten, die er zu durcharbeiten hatte. Bekanntlich ist es keinem Juden gestattet, in eines der hiesigen Seminare ausgenommen zu werden. Die Regierung tragt darin der individuellen Freiheit jüdischerseits trauriger Weise solche Rechnung, daß sie Nichts weiter als das Examen verlangt. Man sollte es doch kaum als möglich glauben, daß eine Regierung sagen kann: Willst du amtlich angestellt sein, so mußt du dich einer Prüfung unterwerfen; allein für deine Bildung wird nicht nur nicht gesorgt, sondern es werden dir die bereits vorhandenen Bildungsanstalten noch verschlossen. Die höchste Gunst, die uns zu Theil werden konnte, war die Ertaubniß des Hospirirens, die jedoch wieder in die Hände der Seminardirektoren zurückgelegt wurde. Leider sind dies gewöhnlich Geistliche, und wir wissen nur zu gut, was wir von düsen Herren zu erwarten haben. Dieser Mange! an einem geregelten Bildungsgänge tragt sehr viel Schuld daran, daß selten ein Kind von seinen Eltern von Jugend auf zum Lehrfache bestimmt wird. Fast der größte Theil der Lehrer haben dieses Fach ergriffen, nachdem ihnen andere Karrieren abgeschnitten wurden. Ein großer Theil ist aus der Klasse der Bachurim hervorgegangen und das sind gerade diejenigen, die sich am Wenigsten über verfehlte Karrwre zu beklagen hatten. Wenige nur haben ihre Bildung in Seminarien außerhalb unsrer Provinz erhalten. Zwar, wenn wir den Stand und die Verfassung der hiesigen Seminare uns vor die Augen führen, das geringe Ziel, das ihnen gesteckt ist und die Art und Weise der Disziplin bedenken, so mag unsere Trauer nicht allzu groß sein und es ist gewiß, daß den jüdischen Lehrern, die auf ihre eigne Kraft verwiesen wurden, wenigstens jenes Stockthum, jener niedere, eingezwangte Geist fremd blieb, den man als eine traurige Mitgabe aus dein Seminare erhalt. Jener gedrückte Geist, den die Kascrnirung der Seminare erzeugt, jene Demuth, die die strengste Zucht und die Furcht vor der Ungnade der Behörde erzeugt, jene Unselbstständigkeit in That und Urtheil bleibt dem jüdischen Lehrer größtentheils fremd und wenn wir auch nicht alle diese von diesen Fehlern freisprechen, fo liegt die Schuld entweder in ihnen selbst oder in ganz eigenthümlichen Verhältnissen, zu deren Bekämpfung oft der Mutb fehlt. Jedenfalls bewahrt sich der israelitische Lehrer mehr freie Selbstständigkeit, ein Gefühl der Unabhängigkeit, ein Bewußtsein seiner Kraft, auf welche ec vom Angenblicke an, da er sich entschloß, ein Bildner der Jugend zu werden, angewiesen war. Aber — mit wie vielen tausend Schwierigkeiten hat der jüdische Lehrer wieder zu kämpfen, die dem nichtisraelitischen fremd bleiben. Man bedenke zuerst die Mittel seiner Existenz. Nur sehr selten wird ein Kind begüterter Eltern dem Lehrerstande gewidmet und wie überall, bleibt der jüdische Schulamtskandidat auch hierin auf seine eigne Kraft angewiesen, wahrend den christlichen Seminaristen reichlich Stipendien theils aus Kirchen-, theils aus Staatsfonds zufließcn. Wie das Ringen nach Existenzmitteln ebenso zeitals mußeraubend ist, wird Jeder, der jemals in dieser Lage war, zu schätzen wissen. Was aber um so mehr zu bedenken ist, das ist der traurige Umstand, daß auch die Herbeischaffung geistiger Existenz- und Fortbildungsmittel ganz in seine Hand gelegt ist und wie vermag Jemand, der ein Feld noch niemals durchwandert, den rechten Weg zu finden? Womit anfangen und wo enden? Hat wol gar ein jüdischer Kandidat das hohe Glück des Hospitirens, so überzeugt er sich gar recht bald, daß ihm hier kein Heil erblüht; denn eines Theils kann das bloße Zuhören ohne Fragen durchaus nicht befriedigen, es vermag nie die Ueberzeugung zu geben, daß das Vorgetragene erfaßt ist oder nicht; andern Theils aber sind die Kurse der Seminare so ausgedehnt und angelegt, daß man es recht bald inne wird, wie viel Zeit man vergeuden müßte, ehe man auf diesem Wege zur Reife gelangt. Das geringe Maß von Kenntnissen, die das Seminare reicht, liegt auf drei Jahre gelheilt, und wahrlich, ein Jüngling mit gereiftem Verstände braucht zur Bewältigung dieses Stoffes kaum ein Jahr, ja ein halbes kann genügen! Man hat so viele Keile in dieses Bischen Gelehrsamkeit hineingetrieben, daß man wunderlicher Weise von einem ersten, zweiten und dritten Kursus spricht und dem Ganzen das Aussehen eines Schwammes giebt, der durch seine vielen Poren blos einen so großen Raum einnimmt und, von einer kräftigen Hand zusammengedrückt, nur so wenig Materie darbietet. Man speiset die Geister der pädagogischen Fa-