Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1850)
- Date
- 1850-10-21
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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598 Alles zu eignem Gute verarbeitete. Ferner: von dem großen menschlichen Leben des Alterthums bietet der Okzident nur einige, der Orient andere Seiten dar, und beide ergänzen sich. Wir wollen diese schöne Stelle hier anführen: „Was ist es, was bei der Erforschung ferner Zonen und Völkerschaften, bei dem Studium der Geschichte und des Alterthums, bei dem Eindringen in fremde Sprachidiome, bei dem Aufmerken auf die Stimmen der Völker, was ist es, was unfern Geist so mächtig anregt, unser Gemüth so tief ergreift? Es sind nicht allein die großen Gedanken, die wir dort finden, die bewundernswürdigen Thaten, die wir erschauen; nein, es ist vor Allem auch die Betrachtung, wie das menschliche Leben selbst, mannigfach und doch stets das Eine, mit seinen Empfindungen und Neigungen, mit dem was es freudig oder schmerzlich, hoffnungsreich und leidenschaftlich bewegt, überall zum Durchbruch kommt, und wie unter den vielfarbigen und wechselnd gestalteten Kostümen, in welchen die Völker über die Bühne des Lebens schreiten, überall der Eine menschliche Geist ringet, überall in den Schlagen des menschlichen Herzens der Grundton des Einen Lebens wiederklinget. Und hier kann es uns nun nicht entgehen, wie von dem Bilde dieser innern Lebensgestattung, gleichsam der menschlichen Lebensoffenbarung, der Okzident uns einige, der Orient aber noch andere Seiten zeigt. Die Vergleichung der Religionen des Orients und des Abendlandes, orientalisch-prophetischer und griechischer Beredsamkeit, indisch-egyptischer und griechischer Baukunst stellt dies deutlich vor Augen. Obschon die Kontouren hier und dort in einander fließen, so ist es doch im Ganzen, als wenn zwei verschiedene Welten einander gegenüberstehen, die sich gegenseitig erst ergänzen. Den Blick nur hierhin oder dorthin richten, heißt gleichsam nur mit Einer Schale wägen, ohne das Gegengewicht der andern, was uns über das Wesen und die Manifestation des Lebens kein richtiges Resultat gewähren kann, wol auch mitunter schon unsere wiffenschaftlichen und unsere künstlerischen Anschauungen einseitig gemacht hat. In der orientalischen Dichtkunst klingen Saiten an und lassen sich so manche wunderbare Stimmen hören, auf welche wir bei den römischen und griechischen Dichtern vergebens lauschen würden. Aus jener ist unsere religiöse Lyrik hervorgegangen und noch lange ist die reiche Gedankenfülle auch nur der Psalmen von unseren Dichtern nicht erschöpft, nicht Eigenthum unserer poetischen Anschauungen geworden. Die Beredtsamkeit des Orients nimmt einen ganz andern Gang und bemächtigt sich unserer Gefühle auf eine andere Weise, als die griechischen und römischen Muster, und unsere Homiletik könnte von jener noch gar Manches lernen. An die griechische Architektonik, mit ihren italischen Umgestaltungen, besonders gewöhnt, der bei uns nur noch der erhabene gothische Bau gegenüberstehet, nehmen wir bei dem Anblicke der Wunderwerke Egyptens, der unterirdischen Arbeiten Indiens, so wie der Trümmer des Palastes der vierzig Säulen zu Persepolis, wir nehmen mit Erstaunen wahr, daß es noch andere Säulenordnungen giebt, als die griechischen, daß die Architektur mit der europäischen Kunst nicht geschlossen und noch vieler Formen fähig ist. Was in griechischer Kunst und Sprache seine höchste Vollendungseiert, ist Schönheit, das Ideal der Harmonie der Formen, dagegen ist Innigkeit und Gedankentiefe unter den charakteristischen Wesenheiten des Morgenlandes. Auf lichten Vorgebirgen erhoben sich, aus weißem Marmor, die glänzenden Götterwohnungen Griechenlands, in dem reinsten Ebenmaße architektonischer Verhältnisse; dagegen verbarg Indien seine Tempel in dem Schooße der Berge, wie der Mensch seinen heiligsten Gedanken tief in der Brust verbirgt. Ist überall die Sprache nur die gröbere, sinnliche Form, in welcher Geistiges, um uns wahrnehmbar zu werden, sich erst verkörpern muß, so ist die Sprache der Griechen wie ein zartes Kleid, das licht und goldgewoben die Urschöne des Gedankens nur leicht verhüllt und durchschimmernd schauen läßt. Dagegen hat der Orientale, der tiefer empfindet und mehr im Geiste schauet, für die Offenbarung dessen, was in seinem Innern vorgehet, in seiner Sprache ein spröderes Medium erst zu überwinden, wie der Strom durch Felsen und Gerölle sich gewaltsam an das Licht hervorarbeitet. Er deutet in kurzen Worten hin auf das Weltgericht der Geschichte, er weiset mahnend auf die großen Werke der Natur — für deren Wunder kein Volk, wie der Forscher des Kosmos vergleichend dacthut, einen so innigen Blick hat, als der hebräische Orientale — und er läßt den Hörer selbst fühlen und miterschauen, gleichsam miterleben, was in der Brust des Redenden so heiß wallet: jubelt oder zürnet." Von allen orientalischen Sprachen und Literaturen empfiehlt sich zu diesem Zwecke am Meisten die hebräische, die, wenn minder schwerfällig gelehrt, wie es jetzt der Fall ist, bei ihrem einfachen Bau verhättnißmäßig wenig Schwierigkeiten bietet. Indem er die Erfolge seiner An-