Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1850)
- Date
- 1850-10-21
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
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594 bekam, während doch die Behörden ganz in Unwissenheit über diesen Auflaus geblieben waren. Afrika. Konstantine. (Fortsetzung des Berichts des Großrabbinen Weil über die Juden in Konstantine.) Was die sozialen Verhältnisse betrifft, so ist es schwer die Veränderungen zu bemerken, welche die Besitznahme von Seiten Frankreichs hervorgebracht hat; selten sieht man einen eingebornen Israeliten Konstantine's, der französisch sprechen kann; was wahrscheinlich von der kleinen Anzahl Franzosen herrührt, die sich in dieser Stadt niedergelassen, da kaum 2000 Europäer auf 30,000 Araber kommen. Andererseits findet der Handel der Israeliten dieses Landes ausschließlich zwischen ihnen und den Arabern statt. Um so mehr muß man auf die Errichtung französisch-israelitischer Schulen dringen, damit die Jugend wenigstens erlerne, was ihr von Tag zu Tag nothwendiger werden wird. Hingegen ist das weibliche Geschlecht in großer Anzahl als Dienstmädchen bei den Franzosen eingetreten, Mädchen, Wittwen und verheirathete Frauen, was eine sehr traurige, verderbliche Wirkung auf die Zukunft der israelitischen Töchter, und somit auf eine ganze Generation haben wird. Man denke sich, welche Folgen es hat, wenn junge Mädchen mit einem Male Dienerinnen von Fremden werden, die aus einer ganz andern Zivilisation, anderen Sitten und Ansichten kommen! Was die Leute dahin treibt, ist bald erklärt. Es ist einerseits das Elend, die Bedürftigkeit, andererseits die Unwissenheit, die Unkenntniß jeder Kunst, jedes Handwerks, aller der Arbeiten, die das Eigcnthum des Weibes sind; mit einem Worte, da sie es nicht verstehen Arbeiterinnen zu sein, so sind sie gezwungen Dienstmädchen zu werden. Der Wille zur Arbeit ist also da, nur muß er in die rechten Wege geleitet werden, und dazu gehören öffentliche Anstalten, da es an mütterlicher Erziehung in diesem Lande gänzlich fehlt. Nur muß die Schule hier zu Lande sich nicht auf ein wenig Lesen und Schreiben beschränken, sondern sich mehr der Werkstätte nähern und die Handarbeit lehren, so daß die armen Mädchen ein Existenzmittel darin erlernen. Uebcr die Moralität der Israeliten von Konstantine habe ich nichts Besonderes zu sagen; ich glaube, sie sind nicht besser und nicht schlechter als unsere Glaubensgenossen in den übrigen Städten Algeriens. Was zu ihren Gunsten spricht, was aber ebenfalls bei allen algierschen Juden zutrifft, ist, daß sie selten mit der Strafjustiz zu thun haben, daß sie selten auf der Anklagebank Platz nehmen. Ihre Thätigkeit verdient hervorgehoben zu werden; sie haben den Willen zu arbeiten, und nehmen nicht gern Almosen von der Gemeinde an, so daß nur 50—60 als Almosenempfänger verzeichnet sind. Was noch besonders zu erwähnen, das ist die Leichtigkeit, womit sie ihren Wohnsitz verändern; sie sind stets geneigt ihr Zelt da aufzuschlagen, wo sie hoffen Eristenzmittel zu finden. Sie haben sich schon über die ganze Provinz ausgebreitet, es gicbt deren in Bona, Guelma, Setif, Biskara und bis an den Saum der Wüste. Die Einnahmen der Gemeinde von Konstantine bestehet hauptsächlich in der Auflage vom Fleische. Die Ausgaben bestehen in den wöchentlichen Austheilungen an die Rabbinen, Schächter, Beamten und Armen. Im letzten Jahre brachte das Monopol des Koscherflcischetz 17,000 Frks. ein. Die wöchentlichen Austheilungen beliefen sich auf 250—260 Frks., so daß der Ueberrest auf Verwaltung, Fremde und außerordentliche Gaben sich verausgabte. Wohlthätige Vereine giebt's fast gar nicht; der einzige ist yy, wo 10 Rabbinen stets studiren müssen, wofür sie durch freiwillige Sammlungen honorirt werden. Es giebt in Konstantine neun Synagogen, von denen einige, zwei besonders, Sla-Eldjdida und Sla- Eldkima (alte und neue Synagoge), groß, geräumig, und, mit Voraussetzung einiger Reparaturen, eines Gotteshauses nicht unwürdig find. Unter den übrigen ist eine, mit welcher sich insonders die J^e der Heiligkeit vereinigt, sie ist bekannt unter dem Namen Sla-Rabbi Meffaud. Diese sehr kleine Synagoge, im Zustande des Älterthums und gänzlichen Verfalls, genießt die allgemeine Verehrung der Gläubigen, so daß man sich insonders fürchtet, einen Eid in derselben zu leisten. Giebt es daher Streitigkeiten zwischen Israeliten und Mohamedanern, so nehmen diese Letzteren ihre Zuflucht zur Sla-Rabbi Messaud, und der Israelit hat sicher die volle Ueberzeugung seines Rechts, der hier seine Hand zum Schwure erhebt. In der Regel wird die Sache vor dem Schwure geschlichtet. Ueber die Person dieses Heiligen habe ich Nichts erfahren können, außer daß er ein Manuskript hinter-