Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1850)
- Date
- 1850-10-21
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
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593 OesterreLchLscher KaLferstaat. ©turnt, 8. Oktober. Bekanntlich haben die mährischen Juden, nachdem deren Emanzipation durch das Gesetz ausgesprochen und der Zwang aufgehoben war, innerhalb einer bestimmten Judengemeinde zu wohnen, häufig ihre bisherigen Wohnorte verlassen, und sich jeder Zahlung zur Bestreitung der politischen und Kultusbedürfnisse ihrer zuständigen Gemeinde entzogen. Hierdurch wurden die meisten Judengemeinden von der Auflösung bedroht, und es wurden, um dem Uebel Abhilfe zu leisten, mannigfache Zusammenkünfte der Angesehensten des Volkes gehalten, deren eine am Schluffe des Jahres 1849 in Nikolsburg stattfand. Es war daselbst der Entwurf einer Synagogalordnung für Mähren zu Stande gebracht, der im Sommer des heurigen Jahres von einer eigens cinberufenen Deputation von Rabbinern bei der Statthalterei berathen und nach einigen Abänderungen zur hohem Sanktion vorgelegt wurde. Um jedoch bis zur Herablangung der Letztem die Kultusbedürfnisse nicht unbedeckt zu lassen, ist vom Statthalter in dieser Beziehung unterm 13. September d. I. ein Provisorium eingeführt worden, welches bei Deckung und Austheilung der Domestikalbedürfnisse der jüdischen Religionsgemeinden zu gelten hat und vom Ministerium des Kultus sanktionirt worden ist. Hiernach haben bis zur weitern Bestimmung in Mähren sammt Enklaven zweiundsünfzig jüdische Kultusgemeinden zu bestehen, und jeder in Mähren wohnende Jude hat sich zu einer derselben zu erklären, und hat, insofern er in ihr, sei es als Angehöriger oder Fremder wohnt, zur Bestreitung der Kultusbedürfnisse eine gewisse Quote zu Hsten. (C. Bl.) —. Galizien hat eine Effektivbevölkerung von 4,734,427 Seelen. Darunter befinden sich 2,227,901 Katholiken und Armenier, 2,201,675 unirte Griechen, etwa 26,000 Protestanten, äußerst wenig nicht unirte Griechen, und 317,227 Juden. —. Dr. Ignaz Löblin ist zum israelitischen Schulrath des pesther Militärdistrikts ernannt worden. Prag, 9. Oktober. Wie ich höre, wird hierin kürzesterZeit auf Anordnung der Regierung eine Synode jüdischer Notabeln zusammentreten um eine Kultusgemeindeordnung für die Israeliten Böhmens zu berathen und dem Ministerium vorzulegen. Es ist dies hier ein lange gefühltes Bedürfniß, und wer die Zerfahrenheit kennt, in welcher sich gegenwärtig namentlich in Böhmen die israelitischen Kultusverhältnisse befinden, wird der Regierung für diese edle Sorgfalt innigen Dank zollen. Italien. Turin, im September. Die Köln. Ztg. enthält Folgendes: Der in Genua erscheinende „Cattolico" enthält folgende (vorausgesetzt, daß sie wahr ist) wichtige Nachricht aus Turin: „Im Ministerrathe ist die Rede davon gewesen, den ersten Artikel des Status aufzuheben und alle Religionen als gleichberechtigt vor dem Gesetze zu erklären. Die Mehrheit des Kabinetts hat es jedoch nicht gewagt, diesen Schritt zu thun, wenigstens jetzt nicht, und die Diskussion ist auf eine geeignetere Zeit verschoben worden." Nordamerika. New-Uork, 20. September. Wer sollte es glauben, auch nach Nordamerika zieht die wilde Lust der Judenverfolgung hinüber? Und wer bringt sie dahin? Irische Auswanderer, oder besser Auswürflinge! Nun, das Schwert der Gerechtigkeit wird nicht zögern, sie zu treffen. Die Weserzeitung berichtet Folgendes: Ein empörender Vorfall ereignete sich am vorigen Sonntag. Es war der Vorabend des großen Versöhnungsfestes der Juden und diese befanden sich alle in der Synagoge. Das Haus, wo die Synagoge sich befindet, ist außer von jüdischen auch von irischen Familien bewohnt. Jemand führte während der Versammlungszeit eine öffentliche Dirne in das Hinterhaus; in kurzer Zeit darauf verbreitete sich das Gerücht, die Juden hätten ein Christenmädchen zu ihrem Feste gemordet. — Gegen halb 11 Uhr drang eine Masse von nahe 500 Mann in das Haus, erbrach die Thüren und riß buchstäblich die schlafenden Frauen, wovon die Eine im Wochenbette war, nebst einem kranken Manne von ihrem Lager. Der empörendste Unfug wurde verübt: Alles niedergeschlagen, was sich widersetzte, einem Hausirer ein Kiftchen mit Goldsachen im Werthe von 63 Doll, gestohlen. Das Merkwürdigste an der Sache ist, daß drei irische Polizeimänner die Anführer dieses wüthenden Pöbelhaufens waren, und der Sturm hierdurch eine Art offiziellen Charakter