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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1850-10-21 · Heft 43 (21.10.1850) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
14 (1850)
Issue
Heft 43 (21.10.1850)
Date
1850-10-21
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
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592 Gesellschaft, welche blinder Fanatismus von jeher zur Zielscheibe seiner Giftgeschosse sich wählte, es sind — die Juden;'besonders jene Juden, die, zerstreutauf dem Lande, dem boshaften Ausbruche eines rohen Volkshaufens preisgegeben sind. — An solchen Opfern erprobte diesen Sommer jener heidnische Pietismus seine Verfolgungswuth zu Langsdorf, einem kleinen Orte in der Nähe Gießens, und zwar auf eine solche rohe, herzzerreißende Weise, daß die dortigen Juden in einem gedruckten Rundschreiben alle Glaubensgenossen des Großherzogthums um Beistand gegen diese barbarische Mißhandlung dringend baten. In diesem Rundschreiben wird unverholen behauptet, daß ein fanatischer christlicher Priester von der Kanzel herab die Nothwendigkeit einer Verfolgung der Israeliten gepredigt und daß darauf hin feige Repräsentanten der Gemeinde ihre Mitbürger in der Ansicht bestärkt hätten, „daß Gehorsam gegen Gesetz und Obrigkeit in dem fraglichen Falle verweigert werden dürfe." Die giftigen Früchte, welche durch diese giftige Aussaat reiften, sind durch die Tagesblätter bekannt worden. Allein trotz der Klagen und Thränen der mißhandelten Opfer unterlassen es jene Priester, welche in ihrem Dünkel sich ausschließlich von der göttlichen Gnade erleuchtet und erwählt halten, doch nicht, das verzehrende Feuer tüchtig zu schüren und zum Aufbau ihrer Jnquisitionschciterhaufen den harmlosen unbefangenen Landmann anzustacheln. Es sahen, zum Schutze ihrer Glaubensgenossen, die Rabbiner zu Darmstadt und Gießen, so wie der Unterzeichnete sich dringend aufgefordert, in der Darmstädter Zeitung No. 233 d. I. jene Herren Geistlichen ganz bescheiden und anständig zu bitten: sie möchten doch ihre Kanzeln und dadurch ihren Glauben nicht so sehr entheiligen und entwürdigen, daß sie von denselben herab statt einer Religion der Liebe, eine des Haffes und der Verfolgung lehrten; sie möchten doch lirbcr, wenn sie gegen das Judenthum einen Kreuzzug unternehmen wollten, hierzu irgend eine allgemein verbreitete, auch dem gemeinen Manne zugängliche Zeitung wählen, die Unterzeichneten Rabbiner wären dann bereit, alle Vor- und Einwürfe gegen den Glauben der Juden Satz für Satz zu beantworten. Allein bisher hat sich noch keiner dieser Herren zur Aufnahme eine» solchen offenen Kampfes gemeldet, und wahrscheinlich wird sich auch Keiner melden, indem es solche Herren vorziehen, nach Art gewisser Feiglinge, mit vorgebundener Maske das wehrlose Schlachtopfer im Rücken anzufallen. Es hat sogar Einer dieser hocherleuchteten Herren bereits erklärt: „Daß die Zeit vorüber ist, wo (soll heißen in welcher) man Apologien des Christenthums gegen das Judenthum schreibt, und daß die christliche Geistlichkeit ihre Zeit müßte gestohlen haben, wenn sie dieselbe über Klopffechtereien mit Juden vergeuden wollte, die gewiß auch Keiner als ebenbürtige Kämpfer (ob Jesus, der als Jude lebte und starb, ebenbürtig wäre? ist noch eine Frage), ansieht." — Es ist zu bedauern, daß der Raum dieses Blattes nicht gestattet, diese Erklärung in ihrer ganzen possirlichen Lebensgröße wiederzugeben, wie sie in dem erbärmlichen Lokalblättchen, welches Mainzer Journal sich nennt, als Korrespondenzartikel aus der Wetterau vom 30. August sich darstellt; denn es ist diese Erklärung eine echte, unverfälschte Probe von jenem sich spreizenden pharisäischen Hoch- und Uebermuthe, wie er bereits in dem alten, so sehr verschrieenen Talmud (Trakt. Sota Fol. 22) ganz treffend geschildert wird. — O ihr Herren! wie entheiligt und erniedrigt ihr auf diese Weise euer Christenthum, für welches ihr so gerne Propagandas errichtet! Wie könnt ihr glauben, daß es euch gelingen wird, den Juden zur Annahme einer Religion zu bereden, deren Prediger vom lächerlichsten, kindischen Dünkel aufgeblähet, einen Gott lehren, welcher Haß und Verfolgung liebt? wenn dieselben jene schöne Zeit wieder aus dem Grabe holen möchten, in welcher es „zur großem Verherrlichung Gottes" ein Verdienst war, Juden zu berauben und zu plündern, überhaupt die schauderhaftesten Gräuelthaten an ihnen und deren Frauen zu verüben! Wir rufen: Gottlob, daß diese Zeit vorüber ist und daß man es in unseren Tagen einsieht, wie ein Vinzenz Fettmilch (ch 1615) mit seiner Räuberbande zwar in der Judengaffe anfängt, aber in dem Palaste des Magistrats aufhören will. — Euch aber, die ihr wahre Chriftusjünger fein wollet, es aber niemals wäret, empfehle ich als „Judenrabbiner" (sonderbarer Ausdruck dieser modernen Pharisäer! als ob es auch Christenrabbiner gebe), besser beherzigen zu wollen, was geschrieben stehet im Namen eures Herrn und Meisters! (Vergl. Matth. 5, 44., 1. Joh. 3, 18, insonderlich 1. Timotheus 3, verglichen mit Kor. 6, 3. und Lucä 17, 4.) Dr. S. Formstecher, Rabbiner.

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