Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 14 (1850)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1850)
- Date
- 1850-10-14
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
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580 wenn sie behaupte, daß hier nur Störung eines Privatgottesdienftes vorliege, es habe vielmehr der Anklage nach eine Störung des öffentlichen Gottesdienstes stattgefunden. Aus Mangel an Beweis wurden die Angeklagten freigesprochen. Es ist also um so lobenswerther, daß der Gerichtshof die Ansicht der Vertheidigung berichtigte, da eine Strafanwendung gar nicht eintrat, es also dem Gerichtshöfe nur daran lag, ein Prinzip auszusprechen im direkten Widerspruche mit dem im Berichte in No. 38 d. Bl., was sehr erfreulich ist. Bei dieser Gelegenheit können wir nicht umhin, unser Bedauern darüber auszusprechen, daß Störungen (und das leider nicht selten) von jüdischen Gemeindemitgliedern hervorgerufen, Gegenstände der öffentlichen Gerichtsverhandlungen sein müssen. Verschiedene Gründe lassen sich für das Entstehen der Störungen aufsinden, G emeinheit des Charakters, Mangel an Ehrfurcht vor dem Gotteshause und Mangel an Andacht beim Gottesdienste. Die beiden letzten Gründe sind wol die wesentlicheren, die wir daher hier in's Auge fassen wollen. Leider ist es dahin gekommen, daß das Gotteshaus meist zum Sammelplätze der Geschäftsleute, zum Gesellschaftslokal, ja zur Kleinkinderbewahranstalt herabgesunken ist. Wohin man in demselben sein Auge wendet, sieht man meist Leute im eifrigsten Gespräche begriffen, die Alles behandeln, nur nicht das Hierhergehörige. Soll und muß das nicht anders werden? Wodurch? Das Einzige, welches dem Uebel abhelfen könnte, wäre dies, daß man den Gottesdienst feierlicher, Herz und Gemüth ansprechend, einrichte. Dies Bedürfniß stellt sich von Tag zu Tag immer mehr heraus. Gemüth und Herz wird vom Gottesdienste in seiner jetzigen Gestalt in den meisten Gemeinden unberührt gelassen, das Publikum versinkt in Lethargie, es sucht sich die Langeweile im Gotteshause durch allerlei Gespräche zu verkürzen und so wird das Gotteshaus zum Sündenhaus. Die Rabbiner und Lehrer haben hier ein fruchtbares Feld auf Alt und Jung zu wirken. Wie viele Gemeinden stehen jetzt aber ohne Rabbinen da! In denselben sieht es auch in dieser Beziehung sehr traurig aus. Schnelle und gründliche Abhilfe ist sehr wünschenswerth. Z. Aus der Provinz Posen, 22. September. (Privatmitth.) Die „heiligen Tage" sind vorüber. In Posen hat cs, wie immer, auch diesmal wieder viele Privatbethauser (Minjanim) gegeben. Lokale, welche das ganze Jahr hindurch zu Tanzsälen u. dgl. dienen, werden, wenn die „heilige Zeit" herannaht, schnell in „Gotteshäuser" metamorphosirt, und in dieselben drängt sich nun Alles/ was in den vorhandenen „Schulen" keinen Platz mehr finden kann — um wenigstens an den furchtbaren Tagen des Neujahrs- und Versöhnungsfestes (v^rrnd &■>»■>) dem Herrn der Heerschaaren einen Tribut zu bringen. Aber da sollten Sie das Treiben sehen! Sie würden sich mit Entrüstung davon abwenden. Vorbeter (miari ■’bsa) werden aufgegriffen, wie sie sich gerade vorsinden, und je schneller Einer mit der nbsn fertig wird, ein desto größeres Meisterstück hat er bewiesen. Und führt der Zufall auch einen „Theologen" in's Gehege, so wird auch dieser aufgegriffen in einen weiten Talar eingewickelt, auf eine umgekehrte Kiste gestellt, — und nun hört die Versammlung gar das „Wort Gottes" — und hat alsdann um so mehr Stoff zum Plaudern, Räsonniren, oder gar zum Lachen. — Nicht selten kommt's in solchen improvisirten Synagogen, die größtentheils von jungen Leuten (Kommis, Gymnasiasten, Handwerksgesellen rc.) besucht sind, sogar zu heftigen Wortwcchseleien und Streitigkeiten, so daß hier leider! auch die bitteren Worte des Propheten NLM s!i 'w TuiJEn nicht unerfüllt bleiben. O es ist oft eine entsetzliche Wirthschaft in diesen Tanzboden schulen! Und doch sind dieselben in Posen unerläßlich nothwendig. Denn dieRäume der vorhandenen Schulen — und Posen hat deren eine Menge *) — fassen durchaus nicht Alles, was an Ndwn und dv tidd zu Gott sich drängt und beten will. Warum aber hat Posen, bei seiner Menge von Juden, nicht einmal Einen großen Tempel aufzuweiscn, der mindestens 800 bis (000 Betende in sich aufnehmen könnte? — Es ist diese Frage in der dortigen Gemeinde schon vielfach aufgeworfen und behandelt worden; man hat vor Jahren schon hin- und herprojek- *) Aber leider! sind sie alle sehr eng und schlecht gebaut. Die Brüdervcceinsschule (s. w. u.) macht in letzterer Beziehung eine Ausnahme. Die „Alte Schule" und die (dicht danebenstehende) „Neue Schule" vereinigt — was mit der Durchbrechung einiger Wände abgemacht wäre — würden ein sehr geräumiges Gotteshaus hergeben.